Ein halbes Glas trüber, leicht erdig schmeckender Saft, morgens auf nüchternen Magen getrunken: Was nach Großmutters Küche klingt, erlebt gerade eine kleine Renaissance. Die Rede ist von rohem Kartoffelsaft. Die meisten von uns kennen die Kartoffel nur gekocht, gebraten oder als Püree. Dass man sie auch roh entsaften kann, wissen die wenigsten. Und noch weniger wissen, worauf man dabei unbedingt achten muss.
Eine Leserin erzählt
„Ich hatte jahrelang dieses unangenehme Völlegefühl nach dem Essen“, schreibt uns eine Leserin, 61 Jahre alt. „Meine Mutter hat früher immer auf Kartoffelsaft geschworen, also habe ich es einfach ausprobiert: zwei Wochen lang jeden Morgen ein kleines Glas, frisch gepresst. Der Geschmack war anfangs gewöhnungsbedürftig, mit einem Teelöffel Honig ging es dann gut. Ob es am Saft lag oder daran, dass ich in dieser Zeit insgesamt bewusster gegessen habe, kann ich nicht sagen. Aber mein Bauch hat sich ruhiger angefühlt.“ Ihren Hausarzt hat sie vorher übrigens gefragt, und genau das empfehlen auch wir.
Nicht die Kartoffel ist das Problem, sondern was wir aus ihr machen
Die Kartoffel an sich ist nicht schädlich. Problematisch sind vielmehr unsere Zubereitung und die Kombinationen, die den Organismus belasten, statt ihn zu stärken: Pommes aus altem Frittierfett, Chips, Kartoffelgerichte in Sahne und Butter ertränkt. Laut dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) ist die Kartoffel wegen ihrer Inhaltsstoffe, darunter die Vitamine B1, B6, C und Folsäure, ein empfehlenswertes Lebensmittel. Wie man sie knusprig und trotzdem nährstoffbewusst zubereitet, zeigt unser Rezept Goldbraun, knusprig, in nur 60 Minuten: Das 3-Zutaten-Wunder aus der Muffinform.
Was steckt im Kartoffelsaft?
Kartoffelsaft enthält B-Vitamine und Vitamin C, dazu Kalium, Kalzium, Eisen, Phosphor und Kupfer. Eine Untersuchung der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) ergab, dass die Kartoffel ähnlich viel Vitamin C liefert wie ein Apfel. Da Vitamin C hitzeempfindlich ist, bleibt im rohen Saft mehr davon erhalten als in gekochten Knollen. Vitamin C trägt bekanntlich zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei.
Ein ehrlicher Hinweis aus ernährungsfachlicher Sicht: Beim Entsaften bleiben die meisten Ballaststoffe im Trester zurück. Der Saft ist daher weniger sättigend als die ganze Kartoffel und kein Ersatz für Gemüse, Vollkorn und Hülsenfrüchte, wenn es um Ballaststoffe geht. Einen ausführlichen Überblick über die Nährstoffe der rohen Knolle finden Sie in unserem Beitrag Das vergessene Wundermittel Kartoffelsaft: Warum es sich lohnt, ihn wiederzuentdecken.
Wie bereitet man Kartoffelsaft zu?
Das Verfahren ist einfach, verlangt aber Sorgfalt bei der Auswahl:
- Verwenden Sie eine mittelgroße, feste Kartoffel ohne grüne Stellen, ohne Keime und ohne Schäden.
- Waschen Sie die Kartoffel gründlich, schälen Sie sie und schneiden Sie „Augen“ und eventuelle Verfärbungen großzügig heraus.
- Schneiden Sie die Kartoffel in kleine Würfel und pressen Sie diese im Entsafter aus.
- Wenn Sie keinen Entsafter haben, können Sie einen normalen Mixer verwenden und die Masse anschließend durch ein sauberes Baumwoll- oder Leinentuch abseihen.
Der Saft ist frisch am besten, da er an der Luft schnell braun wird. Trinken Sie ihn langsam und möglichst ohne Zusätze. Wenn Ihnen der Geschmack trotzdem nicht zusagt, süßen Sie ihn mit einem Teelöffel Honig oder mischen Sie ihn mit etwas Karotten- oder Apfelsaft.
Traditionell wird empfohlen, den Saft auf nüchternen Magen zu trinken, etwa eine halbe Stunde vor dem Frühstück. Eine kleine Menge von etwa 50 bis 100 Millilitern genügt, und eine Anwendung über wenige Wochen mit anschließender Pause gilt als vernünftiger Rahmen.
Wichtig für Ihre Sicherheit: Solanin
Kartoffeln gehören zu den Nachtschattengewächsen und enthalten natürliche Glykoalkaloide, vor allem Solanin und Chaconin. Diese Stoffe dienen der Pflanze zur Abwehr von Schädlingen. Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sitzen sie größtenteils in der Schale, konzentriert in Keimen und „Augen“, und der Verzehr von grünen, keimenden oder beschädigten Kartoffeln kann zu Vergiftungen führen. Typische Anzeichen sind Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall.
Da beim rohen Saft das Kochwasser als „Auffangbecken“ für einen Teil der Glykoalkaloide wegfällt, gelten hier besonders strenge Regeln:
- Nur einwandfreie, frische Kartoffeln verwenden, niemals grüne oder stark keimende Knollen.
- Kartoffeln kühl, dunkel und trocken lagern, wie es das BfR in seiner Presseinformation empfiehlt.
- Schmeckt der Saft deutlich bitter, sollte er nicht getrunken werden. Das BfR rät generell davon ab, bitter schmeckende Kartoffelgerichte zu verzehren.
Was sagt die Wissenschaft?
In der europäischen Volksheilkunde werden rohe Kartoffeln seit Langem bei Magen-Darm-Beschwerden verwendet. Eine systematische Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Phytotherapy Research aus dem Jahr 2010 fand allerdings nur fünf klinische Studien zu Kartoffelprodukten und forderte weitere, besser angelegte Untersuchungen.
Die bekannteste davon ist eine Pilotstudie in der Fachzeitschrift Phytomedicine von 2006: 44 Personen mit Verdauungsbeschwerden tranken eine Woche lang zweimal täglich etwa 100 Milliliter Kartoffelsaft. Rund zwei Drittel berichteten von einer gewissen Besserung. Die Forschenden betonten jedoch selbst, dass placebokontrollierte Studien über längere Zeiträume nötig sind, um dies zu bestätigen.
Weitere Wirkungen, die dem Kartoffelsaft oft zugeschrieben werden, etwa bei Gelenkbeschwerden, bei der Unterstützung von Leber und Galle oder beim Cholesterinspiegel, beruhen vor allem auf Überlieferung und Erfahrungsberichten. Belastbare Studien dazu fehlen bislang. Vorsicht ist bei Behauptungen über eine Wirkung gegen Krebs geboten: Die Glykoalkaloide, die dafür manchmal angeführt werden, sind in erster Linie ein Grund zur Vorsicht und kein Heilmittel. Mehr zu verbreiteten Irrtümern lesen Sie in Wenn die Medizin schweigt: 5 Krebs-Mythen im Faktencheck.
Leber und Galle: ein realistischer Blick
Die Leber ist ein erstaunlich leistungsfähiges Organ und übernimmt ihre „Reinigungsarbeit“ weitgehend selbst. Ein einzelnes Getränk kann sie nicht entgiften. Was der Leber nachweislich guttut, ist ein Lebensstil mit wenig Alkohol, ausgewogener Ernährung, ausreichend Bewegung und einem gesunden Körpergewicht. Wie Leber, Galle und Verdauung zusammenarbeiten, erklären wir im Beitrag Sollte man nach einer fettreichen Mahlzeit Wasser trinken?
Bei einer Lebererkrankung wie Hepatitis gehört die Behandlung in ärztliche Hände. Verlässliche Informationen bietet die Deutsche Leberstiftung. Kartoffelsaft kann eine solche Behandlung nicht ersetzen.
Wer sollte vorsichtig sein?
- Menschen mit Nierenerkrankungen: Kartoffeln sind reich an Kalium. Bei eingeschränkter Nierenfunktion sollte die Kaliumzufuhr ärztlich abgestimmt werden.
- Schwangere, Stillende und Kinder: Sie sollten auf rohen Kartoffelsaft eher verzichten, da Glykoalkaloide bei geringem Körpergewicht stärker ins Gewicht fallen.
- Menschen mit Diabetes: Der Saft enthält Stärke und kann den Blutzucker beeinflussen.
- Wer Medikamente einnimmt oder an einer chronischen Erkrankung leidet: Bitte vorher mit dem Arzt oder Apotheker sprechen.
Fazit
Roher Kartoffelsaft ist kein Wundermittel, aber ein interessantes, altes Hausmittel mit einem respektablen Nährstoffprofil. Wer ihn ausprobieren möchte, sollte nur einwandfreie Knollen verwenden, kleine Mengen trinken und auf die Signale des eigenen Körpers achten. Die gesündeste Art, von der Kartoffel zu profitieren, bleibt allerdings ganz einfach: schonend zubereitet, in einer abwechslungsreichen Ernährung mit viel Gemüse. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) bietet dazu hilfreiche Orientierung.

























