Kiefernrinde birgt Pycnogenol – ein Extrakt, der zu den stärksten Antioxidantien der Natur gezählt wird
Der Extrakt aus der Rinde der französischen Meereskiefer zeigte im Labor eine bemerkenswerte antioxidative Kraft und wird seit Jahrzehnten erforscht. Erste Studien deuten darauf hin, dass er die feinen Blutgefäße und einen ausgeglichenen Blutzucker unterstützen könnte – eine ausgewogene Ernährung und ärztlichen Rat ersetzt er jedoch nicht.
Stellen Sie sich vor: Ein Wald im Südwesten Frankreichs, sturmerprobte Kiefern an der Atlantikküste – und ausgerechnet in ihrer rauen, rötlichen Rinde verbirgt sich ein Stoff, dem im Reagenzglas eine bis zu 20-mal stärkere antioxidative Wirkung als Vitamin C und eine 50-mal stärkere als Vitamin E zugeschrieben wird. Klingt nach Märchen? Die Geschichte beginnt tatsächlich mit einer wahren Begebenheit, die fast 500 Jahre zurückliegt.
Wie ein Rindentee die Mannschaft von Jacques Cartier rettete
Im Winter 1535/36 saß der französische Seefahrer Jacques Cartier mit seinen Schiffen im zugefrorenen Sankt-Lorenz-Strom fest. Frische Lebensmittel gingen aus, die Männer erkrankten an Skorbut – einer schweren Folge von Vitamin-C-Mangel –, und viele von ihnen starben. Die einheimischen Irokesen zeigten den Franzosen schließlich, wie man aus Rinde und Nadeln eines immergrünen Baumes einen Sud kocht. Laut den überlieferten Berichten erholte sich der Großteil der Mannschaft innerhalb weniger Tage. Welcher Baum genau verwendet wurde, ist bis heute nicht restlos geklärt, wie JSTOR Daily und eine Übersichtsarbeit im Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine ausführen.
Jahrhunderte später las Professor Jack Masquelier von der Universität Bordeaux diese Berichte. Er vermutete, dass in der Kiefernrinde neben Spuren von Vitamin C vor allem Pflanzenstoffe stecken, die dessen Wirkung unterstützen. Er fand eine geeignete Quelle in der Rinde der europäischen Meereskiefer, entwickelte ein Extraktionsverfahren und verwendete ab 1979 den Namen Pycnogenol für sein Produkt (Wikipedia).
Ein Alltag, wie ihn viele kennen
Denken Sie an eine Frau Ende fünfzig, die den ganzen Tag im Büro sitzt, abends müde Beine und kalte Füße hat und deren Hausärztin beim letzten Check-up einen leicht erhöhten Nüchternblutzucker angesprochen hat. Genau diese Menschen stoßen in der Apotheke oder im Internet häufig auf Kiefernrindenextrakt. Die ehrliche Antwort einer Ernährungsberaterin lautet dann: Das Mittel ist gut untersucht und meist gut verträglich, es kann eine sinnvolle Ergänzung sein – das Fundament bleiben aber Bewegung, ballaststoffreiche Kost und regelmäßige ärztliche Kontrollen.
Was steckt in der Rinde der Meereskiefer?
Vor rund 80 Jahren wurden Forscher erstmals auf die Rinde der Meereskiefern aufmerksam, die in den Wäldern Südwestfrankreichs wachsen. Seither sind Hunderte wissenschaftliche Arbeiten erschienen; die klinische Forschung zu Pycnogenol reicht laut einer Übersichtsarbeit in Frontiers in Nutrition (2024) mehr als 40 Jahre zurück. Die Kiefern enthalten besondere Flavonoide, und der standardisierte Rindenextrakt trägt den Markennamen Pycnogenol, hergestellt vom Schweizer Unternehmen Horphag Research.
Den Hauptanteil machen Procyanidine aus – Ketten aus Catechin und Epicatechin, die auch in Traubenkernen, Kakao und Tee vorkommen. Laut einer Arbeit im Journal of Inflammation bestehen etwa 65 bis 75 Prozent des Extrakts aus diesen Verbindungen. Eine vielzitierte Übersicht in Free Radical Biology and Medicine (1999) beschreibt zudem, dass der Extrakt im Labor freie Radikale abfängt und körpereigenes Vitamin E sowie Glutathion vor Oxidation schützen kann. Bemerkenswert: Das Gemisch scheint stärker zu wirken als seine einzelnen, gereinigten Bestandteile.
Kiefernrinde und Blutzucker: Was die Forschung andeutet
Ein besonders spannender Befund betrifft den Zuckerstoffwechsel. Pycnogenol kann das Enzym Alpha-Glucosidase hemmen, das im Dünndarm komplexe Kohlenhydrate in Einfachzucker spaltet. Forscherinnen der Universität Würzburg verglichen im Labor den Kiefernrindenextrakt mit Grüntee-Extrakt und dem Diabetesmedikament Acarbose – der Extrakt zeigte dabei die stärkste Hemmwirkung (Bericht über die Studie in Diabetes Research and Clinical Practice; die zugrunde liegende Dissertation der Universität Würzburg ist frei einsehbar).
In klinischen Studien mit Menschen mit Typ-2-Diabetes wurden nach regelmäßiger Einnahme niedrigere Blutzuckerwerte und ein um etwa 10 Prozent gesunkener Langzeitzuckerwert (HbA1c) beobachtet (Frontiers in Nutrition, 2024). Wichtig ist allerdings die Einordnung: Eine unabhängige Cochrane-Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass die bisherigen Studien zu klein oder methodisch zu schwach sind, um eine Behandlung chronischer Erkrankungen mit Kiefernrindenextrakt zu empfehlen. Wer Diabetes hat, sollte daher keinesfalls eigenmächtig Medikamente durch Rindenextrakt ersetzen.
Freie Bahn für die kleinsten Blutgefäße
Studien zeigten, dass die tägliche Einnahme von Pycnogenol die Funktion der Gefäßinnenwand (Endothel) unterstützen kann. In einer kleinen, placebokontrollierten Studie mit 16 Teilnehmern stieg die Durchblutung des Unterarms nach zweiwöchiger Einnahme von 180 mg täglich um bis zu 41 Prozent, während das Placebo keine Wirkung zeigte (Übersicht in Frontiers in Nutrition). Auch bei Menschen mit schweren, müden Beinen infolge von Venenschwäche wurden in mehreren Studien positive Effekte beschrieben (Natural Medicines).
In der Fachliteratur wird Pycnogenol als „eines der stärksten natürlichen Antioxidantien“ bezeichnet (Trials, 2020). Die oft genannten Vergleiche – 20-mal stärker als Vitamin C, 50-mal stärker als Vitamin E, sechsmal mehr Antioxidantien als grüner Tee – stammen allerdings aus Labortests und lassen sich nicht direkt auf den menschlichen Körper übertragen. Da die moderne Ernährung häufig arm an Flavonoiden ist, kann ein bewusster Blick auf deren Zufuhr dennoch sinnvoll sein – am besten zuerst über bunte Lebensmittel, bei Bedarf ergänzt durch hochwertige Nahrungsergänzungsmittel.
Warum Pflanzen solche Schutzstoffe bilden
Die meisten Antioxidantien nehmen wir über Pflanzen auf. Dafür gibt es eine einleuchtende Erklärung: Pflanzen sind ständig der UV-Strahlung der Sonne ausgesetzt und bilden deshalb ihre eigenen Schutzstoffe, zu denen auch die Vitamine E und C, Flavonoide sowie Carotinoide wie Lycopin und Beta-Carotin zählen. Die meisten Antioxidantien werden daher aus Pflanzenteilen gewonnen – oft gerade aus jenen Teilen, die wir achtlos wegwerfen. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag Entsorgen Sie keine Schalen. Gar keine!
Auch Zitrusfrüchte liefern reichlich Flavonoide, die mit elastischeren Gefäßen in Verbindung gebracht werden – siehe Was passiert, wenn Sie jeden Tag einen halben Liter Orangensaft trinken? Und wer Vitamin C auf ungewöhnlichem Weg aufnehmen möchte, findet Anregungen in Das vergessene Wundermittel Kartoffelsaft: Warum es sich lohnt, ihn wiederzuentdecken.
Auch die Weißtanne hat es in sich
Interessant ist, dass nicht nur die Meereskiefer im Fokus der Forschung steht, sondern auch andere Nadelbäume. Neuere Untersuchungen zeigen, dass ähnlich wirksame Antioxidantien auch in der Weißtanne (Abies alba) aus der slowenischen Gottscheer Region (Kočevje) stecken. Aus ihrer Rinde wurde der patentierte Naturextrakt Abigenol entwickelt. In einer Laborstudie in der Fachzeitschrift Antioxidants (2022), an der auch das Ljubljanaer Unternehmen Ars Pharmae beteiligt war, hemmte der Extrakt die Oxidation von LDL- und HDL-Cholesterin und erwies sich in Zellversuchen als gut verträglich. Studien am Menschen stehen hier jedoch noch am Anfang.
Was man über Antioxidantien wissen sollte: Mehr ist nicht immer besser
So vielversprechend Antioxidantien sind – bei isolierten Präparaten in hoher Dosierung ist Vorsicht geboten.
Vitamin E: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt für Erwachsene seit Kurzem einen Schätzwert von 8 mg pro Tag an. Als unbedenkliche obere Zufuhrmenge für Erwachsene gelten laut Schweizerischer Gesellschaft für Ernährung 300 mg täglich. Zu viel Vitamin E kann die Blutgerinnung hemmen, was besonders bei gleichzeitigem Vitamin-K-Mangel oder der Einnahme blutverdünnender Medikamente problematisch werden kann.
Vitamin C: Die DGE empfiehlt Frauen 95 mg und Männern 110 mg pro Tag, Rauchern etwas mehr. Wer täglich deutlich mehr als 2 Gramm aufnimmt, muss mit Übelkeit, Bauchkrämpfen und Durchfall rechnen, wie auch die Mayo Clinic erläutert. Überschüssiges Vitamin C wird über die Nieren ausgeschieden.
Beta-Carotin: Aus Gemüse und Obst gilt es als unbedenklich. Bei isolierten Präparaten rät das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zu höchstens 3,5 mg pro Tagesdosis. Für Raucher sind hoch dosierte Kapseln laut Verbraucherzentrale nicht geeignet. Eine natürliche, reichhaltige Quelle stellen wir Ihnen im Beitrag Ein Nahrungsmittel das alle anderen in den Schatten stellt vor.
Vergleicht man mögliche Nachteile mit den Vorteilen, lautet das Fazit dennoch: Die meisten Menschen profitieren davon, deutlich mehr antioxidantienreiche Lebensmittel auf den Teller zu bringen. Als grobe Orientierung nennen manche Ernährungsfachleute etwa 90 bis 110 mg Vitamin C täglich aus Obst und Gemüse; Vitamin E steckt reichlich in Nüssen, Samen und Pflanzenölen. Coenzym Q10 bildet der Körper zum großen Teil selbst – Ergänzungen sollten mit dem Arzt besprochen werden.
Wie man Kiefernrinde zu sich nehmen kann
Neben Kapseln und Pycnogenol-Pulver ist auch Tee aus Kiefernrinde erhältlich. Er wird unter anderem in der Schweiz, in Argentinien, Korea, Italien, Deutschland, Finnland und den Niederlanden getrunken, in unseren Breiten ist er dagegen noch wenig bekannt. Die Tradition, Rinde als Tee zu nutzen, ist übrigens alt – wie Sie in unserem Beitrag Wiederentdeckung des Vergessenen: Hartriegel nachlesen können.
Ein paar praktische Tipps:
- Herkunft beachten: Verwenden Sie für Tee nur Rinde aus dem Fachhandel in Lebensmittelqualität – nicht selbst gesammelte Rinde von unbekannten Bäumen.
- Dosierung: In Studien wurden meist 100 bis 200 mg standardisierter Extrakt pro Tag verwendet. Halten Sie sich an die Angaben auf der Packung.
- Verträglichkeit: Der Extrakt gilt als gut verträglich; gelegentlich treten leichte Magenbeschwerden, Schwindel oder Kopfschmerzen auf (Drugs.com).
- Vorsicht bei Medikamenten: Da Kiefernrindenextrakt theoretisch die Blutgerinnung und den Blutzucker beeinflussen kann, sollten Menschen, die Blutverdünner, Diabetesmedikamente oder Immunsuppressiva einnehmen, vorher ärztlichen Rat einholen (Australian Journal of Herbal and Naturopathic Medicine).
- Schwangerschaft und Kinder: Für Schwangere, Stillende und Kinder liegen zu wenige Sicherheitsdaten vor – hier lieber verzichten.
Fazit
Die Rinde der Meereskiefer ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie altes Volkswissen die moderne Forschung inspirieren kann – vom rettenden Rindentee im eisigen Kanada bis zum standardisierten Extrakt von heute. Die Labordaten sind beeindruckend, erste Studien am Menschen ermutigend. Ein Wundermittel ist Pycnogenol dennoch nicht: Seine besten Partner sind eine farbenfrohe, pflanzenbetonte Ernährung, regelmäßige Bewegung und das Gespräch mit Ihrem Arzt oder Apotheker.

























