Fast 900 Jahre bevor Ernährungsexperten und Ärzte von „ganzheitlicher Gesundheit" sprachen, hatte eine Frau in einem deutschen Kloster längst begonnen, genau das aufzuschreiben: dass Körper, Geist und Ernährung untrennbar zusammenhängen. Ihre Aufzeichnungen gelten heute als eines der umfangreichsten medizinischen Zeugnisse des Mittelalters – verfasst von einer Frau, in einer Zeit, in der Frauen offiziell weder schreiben noch lehren durften.
Eine Leserin aus Süddeutschland erzählte uns kürzlich, wie sie über die Ernährungsprinzipien der Hildegard von Bingen stolperte, als sie nach Jahren mit unregelmäßigem Schlaf und einem unruhigen Magen nach einem ruhigeren, natürlicheren Alltag suchte. Was sie überraschte, war weniger ein einzelnes „Wundermittel", sondern die Idee dahinter: fester Rhythmus, einfache, regionale Kost, bewusste Ruhephasen. Genau diese Prinzipien stehen im Zentrum von Hildegards Werk – auch wenn moderne Ernährungswissenschaft solche Zusammenhänge heute differenzierter und vorsichtiger bewertet, als es mittelalterliche Quellen taten.
Wer war Hildegard von Bingen?
Hildegard wurde am 16. September 1098 als zehntes Kind einer niederadeligen Familie in der Nähe von Alzey (Rheinhessen) geboren. Schon als Kind soll sie von Visionen begleitet worden sein. Im Alter von etwa 14 Jahren wurde sie gemeinsam mit ihrer Lehrerin Jutta von Sponheim in die Klause des Benediktinerklosters Disibodenberg eingeschlossen, wie die ausführliche Biografie auf Wikipedia beschreibt. Nach Juttas Tod wählten die Mitschwestern Hildegard 1136 zur Magistra, 1150 gründete sie ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen, 1165 ein zweites in Eibingen.
In dieser Zeit entstanden ihre beiden großen naturkundlich-medizinischen Werke: die „Physica", eine neunbändige Sammlung über die heilkundlichen Eigenschaften von Pflanzen, Steinen, Fischen und Tieren, sowie „Causae et Curae" („Ursachen und Behandlungen"), eine umfassende Abhandlung über den menschlichen Körper und seine Verbindung zur Natur. Zusammen enthalten diese Schriften weit über 2.000 Anwendungen und Beobachtungen – entstanden aus Hildegards praktischer Erfahrung im Kräutergarten und der Krankenstation ihres Klosters, ergänzt durch das theoretische Wissen antiker Medizin, das sie in der Klosterbibliothek studierte.
Bemerkenswert: Diese Rezepte sind nicht nur medizingeschichtlich interessant, weil manche ihrer pflanzlichen Anwendungen bis heute in der Erfahrungsheilkunde diskutiert werden – sondern auch, weil sie zeigen, dass Beschwerden wie Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme, Gelenkbeschwerden oder innere Unruhe schon vor 900 Jahren zum Alltag der Menschen gehörten. Sie sind also keineswegs nur ein Phänomen unserer modernen Lebensweise.
Eine "Häretikerin" oder eine Mystikerin?
Hildegard unterschied in ihren Schriften zwischen Wald- und Feldpflanzen, je nach ihrem natürlichen Standort, und war eine der ersten Autorinnen, die sich auch mit dem befasste, was wir heute psychosoziale Belastungen nennen würden – also dem Zusammenspiel von seelischem und körperlichem Befinden.
Ihr Weg dorthin war nicht frei von Konflikten. Um 1147/1148 sandte Papst Eugen III. auf der Synode von Trier eine Kommission zu Hildegard, um zu prüfen, ob ihre Visionen und Schriften mit der kirchlichen Lehre vereinbar waren – ein durchaus heikler Vorgang für eine schreibende Frau im 12. Jahrhundert. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass Hildegards Visionen echt seien, und der Papst sandte ihr daraufhin seinen Segen, was später als grundsätzliche Billigung ihres gesamten Wirkens gedeutet wurde.
Formal war Hildegards Weg zur „Heiligen" ungewöhnlich lang: Sie wurde bereits 1326 von Papst Johannes XXII. offiziell als verehrungswürdig bestätigt und Ende des 16. Jahrhunderts ins Römische Martyrologium aufgenommen – regional wurde sie also seit Jahrhunderten als Heilige verehrt. Die formale, universale Heiligsprechung der gesamten katholischen Kirche erfolgte jedoch erst am 10. Mai 2012 durch Papst Benedikt XVI., der sie wenige Monate später zusätzlich zur Kirchenlehrerin ernannte – eine Auszeichnung, die bis heute nur vier Frauen weltweit tragen.
Was sind ihre wichtigsten Erkenntnisse?
Die Lehren aus Hildegards Schriften lassen sich – bedenkt man, dass sie vor beinahe 900 Jahren verfasst wurden – in sechs zentrale Gedanken zusammenfassen:
- Nahrung kann das körperliche Wohlbefinden unterstützen – Ernährung und Gesundheit hängen für Hildegard eng zusammen
- Sie vertraute vor allem auf natürliche, pflanzliche Anwendungen
- Ein natürlicher Lebensrhythmus – Schlaf, Jahreszeiten, feste Tagesstruktur – war ihr zentral wichtig
- Ausreichend Bewegung gehörte für sie ebenso zur Gesunderhaltung wie innere Einkehr
- Sie empfahl regelmäßige „Reinigung" des Körpers durch Bäder, Schwitzen und zeitweiligen Verzicht
- Und ihre vielleicht wichtigste Erkenntnis: Gesundheit ist für sie stets ein Zusammenspiel aus seelischen, körperlichen und geistigen Faktoren
Vieles davon klingt, als stünde es in einem modernen Ratgeber zu ganzheitlicher Lebensweise – wobei wichtig bleibt: Hildegards Schriften sind historische, spirituelle und kulturhistorische Zeugnisse ihrer Zeit, keine medizinischen Leitlinien im heutigen Sinn. Wer gesundheitliche Beschwerden hat, sollte sich an ärztliches oder ernährungswissenschaftliches Fachpersonal wenden – Hildegards Ideen können jedoch als inspirierender Anstoß dienen, dem eigenen Rhythmus, der eigenen Ernährung und der eigenen inneren Balance mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Da Hildegards lateinische Originaltexte bis heute übersetzt und neu erforscht werden – ihre Sprache und die medizinischen Vorstellungen des 12. Jahrhunderts erfordern viel Kontextwissen –, ist davon auszugehen, dass wir in den kommenden Jahren noch mehr über ihr bemerkenswertes Werk erfahren werden.

























