Er ist sauer, salzig, kostet fast nichts und steht in vielen Kellern bereits im Sauerkrautfass: Sauerkrautsaft. Während teure Säfte und Nahrungsergänzungsmittel die Regale füllen, wird das vielleicht älteste „Funktionsgetränk" Europas kaum beachtet. Dabei hat genau dieser unscheinbare Saft Seefahrer über Ozeane begleitet – und erlebt heute dank der Darmforschung ein überraschendes Comeback.
Was ein berühmter Seefahrer schon vor 250 Jahren wusste
Der britische Entdecker James Cook ließ auf seinen langen Reisen im 18. Jahrhundert große Mengen Sauerkraut an Bord bringen. Skorbut, eine gefürchtete Folge von Vitamin-C-Mangel, kostete damals auf vielen Schiffen zahlreiche Seeleute das Leben. Cook setzte auf das haltbare, vitaminreiche Kraut – und weil die Matrosen es zunächst verschmähten, ließ er es demonstrativ an der Offizierstafel servieren. Bald wollte auch die Mannschaft ihren Anteil. Seine Fahrten gelten bis heute als Beispiel dafür, wie wertvoll milchsauer vergorenes Gemüse in Zeiten ohne frisches Obst sein kann.
Auch heute berichten Leserinnen und Leser von ihren Erfahrungen. Eine 58-jährige Leserin aus Süddeutschland erzählte uns, dass sie seit zwei Wintern jeden Morgen ein kleines Glas Sauerkrautsaft trinkt, bevor sie frühstückt: „Am Anfang fand ich den Geschmack gewöhnungsbedürftig, heute fehlt mir etwas, wenn ich ihn auslasse. Ich fühle mich nach dem Frühstück leichter, und meine Verdauung ist regelmäßiger geworden." Ein Leser ergänzte, dass ihm der Saft vor allem nach Familienfeiern guttue – „wie früher bei meiner Großmutter, die schwor darauf". Solche Erfahrungsberichte ersetzen keine Studie, zeigen aber, warum dieses alte Hausmittel nicht in Vergessenheit gerät.
Was steckt im Sauerkrautsaft?
Sauerkrautsaft ist erstaunlich reich an Vitaminen und Mineralstoffen. Deshalb sagt man im Volksmund gerne, dass schon eine Tasse den ganzen Körper mit Vitaminen versorgen könne: Sie liefert Antioxidantien, Milchsäurebakterien, Mineralsalze, Hefen und Enzyme. Gäbe es eine Rangliste der traditionellen Gesundheitsgetränke, stünde Sauerkrautsaft wohl weit oben.
Etwas nüchterner betrachtet: Sauerkraut entsteht durch Milchsäuregärung von Weißkohl. Der Saft enthält – je nach Herstellung – Vitamin C, B-Vitamine, Vitamin K, Kalium, Natrium sowie lebende Milchsäurebakterien. Wichtig zu wissen: Viele Säfte aus dem Supermarkt sind pasteurisiert und enthalten deshalb kaum noch lebende Kulturen. Wer Wert auf die Bakterien legt, greift zu unerhitztem Saft aus dem Reformhaus oder zum Saft aus selbst gemachtem Sauerkraut.
Interessant ist auch ein Stoff, der in Kohl vorkommt und als „Vitamin U" bekannt wurde. Chemisch handelt es sich um S-Methylmethionin, das in der medizinischen Fachdatenbank MeSH beschrieben ist. Mehr über die Geschichte von Kohlsaft als Hausmittel lesen Sie in unserem Artikel Warum man Krautsaft trinken sollte.
Die 3 bekanntesten Gründe, warum Menschen Sauerkrautsaft trinken
1. Der Morgen nach einer langen Nacht
Ein Kater ist keine Krankheit, sondern ein Zustand nach einer durchzechten Nacht. Wer verhindern möchte, dass zu viel Alkohol sein Wohlbefinden allzu sehr beeinträchtigt, hat nach altem Brauch immer etwas Sauerkrautsaft im Haus. Eine Tasse Saft wird seit Generationen als Hausmittel gegen Kopfweh und flauen Magen geschätzt.
Dahinter steckt eine nachvollziehbare Überlegung: Alkohol entzieht dem Körper Flüssigkeit und Mineralstoffe. Salziges hilft, diese Verluste auszugleichen – nicht ohne Grund gelten auch Rollmops und saure Gurke als klassisches Katerfrühstück. Die Apotheken Umschau weist darauf hin, dass bei einem Kater meist einfache Hausmittel genügen: ausreichend Flüssigkeit, Kohlenhydrate und etwas Salziges. Sauerkrautsaft kann hier eine würzige Ergänzung sein – das Wichtigste bleibt aber viel Wasser und ein maßvoller Umgang mit Alkohol.
2. Ein Begleiter für die Verdauung
Wer jeden Morgen eine Tasse Sauerkrautsaft trinkt, erlebt nach Erfahrung vieler Anhänger eine spürbare Veränderung seiner Verdauung. Viele beschreiben, dass sie sich leichter und energiegeladener fühlen. Nach altem Brauch wird der Saft etwa alle drei Monate, besonders beim Wechsel der Jahreszeiten, eine Woche lang getrunken. Denn ein gut funktionierender Darm ist die Grundlage dafür, dass der Körper Vitamine und Mineralstoffe aus der Nahrung gut verwerten kann.
Die Forschung interessiert sich zunehmend für fermentierte Lebensmittel. Eine Untersuchung der Universität Stanford, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Cell", zeigte, dass Teilnehmende, die zehn Wochen lang täglich mehrere Portionen fermentierter Lebensmittel aßen, eine größere Vielfalt an Darmbakterien aufwiesen. Ein vom EU-Projekt MASTER unterstütztes Forschungsteam kam laut CORDIS, dem Forschungsportal der Europäischen Union, zu dem Ergebnis, dass fermentierte Lebensmittel eine mögliche Quelle für Milchsäurebakterien im Darm sein können. Das Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) empfiehlt laut Apotheken Umschau, fermentierte Lebensmittel möglichst regelmäßig zu essen, weil sich die enthaltenen Bakterien nicht dauerhaft im Darm ansiedeln.
Zum Abnehmen allein reicht Sauerkrautsaft natürlich nicht – er ist aber kalorienarm und kann süße Getränke am Morgen gut ersetzen. Wer seinen Darm zusätzlich mit Ballaststoffen verwöhnen möchte, findet Anregungen im Artikel Zwei Zutaten zur Reinigung Ihres Körpers. Und wer gerne weitere vergessene Gemüsesäfte ausprobiert, sollte Das vergessene Wundermittel Kartoffelsaft: Warum es sich lohnt, ihn wiederzuentdecken lesen.
3. Herz und Kreislauf
Sauerkrautsaft wird in der Volksheilkunde traditionell besonders Menschen mit niedrigem Blutdruck empfohlen. Nach überlieferter Erfahrung soll er den Kreislauf in Schwung bringen und die Durchblutung unterstützen.
Aus heutiger Sicht lässt sich das vor allem mit dem Salzgehalt erklären: Natrium kann den Blutdruck leicht anheben, was Menschen mit niedrigem Blutdruck am Morgen als angenehm empfinden. Gleichzeitig liefert der Saft Kalium und Vitamin C, die zu einer ausgewogenen Ernährung gehören. Wundersame Wirkungen auf Herzmuskel oder Blutbild sind jedoch wissenschaftlich nicht belegt. Wer einen erhöhten Blutdruck hat, sollte wegen des Salzgehalts vorsichtig sein; Informationen dazu bietet die Deutsche Hochdruckliga. Ergänzend zu einer bewussten Ernährung kann auch Bewegung den Kreislauf unterstützen – eine einfache Übung stellen wir im Artikel Mit nur einer Turnübung den Blutdruck und Blutzucker senken vor.
So trinken Sie Sauerkrautsaft richtig
- Klein anfangen: Beginnen Sie mit etwa 50 bis 100 Millilitern am Morgen. Der Darm braucht Zeit, sich an Milchsäurebakterien zu gewöhnen; anfangs können Blähungen auftreten.
- Auf das Etikett achten: Unerhitzter („naturtrüber", „milchsauer vergorener") Saft enthält lebende Kulturen, pasteurisierter dagegen kaum.
- Geschmack abrunden: Wem der Saft zu sauer ist, mischt ihn mit Tomaten- oder Karottensaft oder verdünnt ihn mit Wasser.
- Salz im Blick behalten: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, insgesamt nicht mehr als etwa 6 Gramm Salz pro Tag aufzunehmen. Sauerkrautsaft trägt dazu bei – rechnen Sie ihn mit ein.
Wann Sie vorsichtig sein sollten
Nicht für jeden ist Sauerkrautsaft geeignet. Menschen mit Bluthochdruck oder Nierenerkrankungen sollten wegen des Natriumgehalts ärztlichen Rat einholen. Fermentierte Lebensmittel enthalten außerdem Histamin und Tyramin, was bei Histaminunverträglichkeit oder bei der Einnahme bestimmter Antidepressiva (MAO-Hemmer) problematisch sein kann. Wer gerinnungshemmende Medikamente einnimmt, sollte wegen des Vitamin-K-Gehalts größere Mengen mit dem Arzt besprechen. Bei anhaltenden Verdauungsbeschwerden ersetzt kein Hausmittel die ärztliche Abklärung.
Fazit
Sauerkrautsaft ist kein Allheilmittel, aber ein preiswertes, traditionelles Getränk mit einem interessanten Nährstoffprofil. Als Teil einer abwechslungsreichen Ernährung mit viel Gemüse, Ballaststoffen und ausreichend Wasser kann er das Morgenritual bereichern – und vielleicht entdecken auch Sie, warum schon James Cook nicht ohne Sauerkraut in See stechen wollte.

























