Videos, in denen von einer "Körperfrequenz" die Rede ist, die bei 58 Hertz zu Erkältungssymptomen und bei 42 Hertz angeblich zu Krebs führt, erreichen im Internet regelmäßig ein großes Publikum. Urheberin dieser Thesen ist die aus Skopje stammende Ärztin Dr. Slađana Velkov, die in Serbien aufwuchs, in Niš Medizin studierte und unter anderem im Nahen Osten tätig war. Ihre Vorträge und Videos zum Thema Entgiftung, Frequenzen und alternative Heilmethoden verbreiten sich seit Jahren vor allem über YouTube und soziale Netzwerke.
Das Modell ist auf den ersten Blick bestechend einfach: Je niedriger die "Frequenz" des Körpers, desto kränker sei man – und mit roher Nahrung, Fasten und positiven Gedanken lasse sich diese Frequenz angeblich wieder anheben. Fachleute aus Medizin und Ernährungswissenschaft widersprechen dieser Vorstellung jedoch deutlich.
Woher stammt die Idee der "Bione" wirklich?
Ein zentraler Baustein der Theorie sind sogenannte "Bione" – winzige Teilchen im Blut, die sich angeblich in Mikroorganismen verwandeln, sobald das Milieu im Körper "sauer" wird. Dieses Konzept ist nicht neu: Es geht auf den österreichisch-amerikanischen Psychoanalytiker Wilhelm Reich zurück, der in den 1930er-Jahren unter dem Mikroskop Strukturen beobachtete und sie als Übergangsform zwischen unbelebter und belebter Materie deutete. Reich verband diese Beobachtungen später mit seiner Theorie einer angeblichen Lebensenergie namens "Orgon". Wie die deutsche Wikipedia zusammenfasst, gilt diese "Orgonomie" in der etablierten Naturwissenschaft bis heute als Pseudowissenschaft, da es für die behauptete Energieform keine anerkannten Nachweise gibt. Das Bion-Konzept, auf dem die Frequenz-Theorie aufbaut, ist also fast neunzig Jahre alt und wissenschaftlich nie bestätigt worden.
Was sagt die Wissenschaft zu "sauer" versus "basisch"?
Auch der zweite Grundpfeiler der Theorie – dass eine "Übersäuerung" des Körpers Krankheiten und insbesondere Krebs begünstigt und sich durch basische, rohe Nahrung neutralisieren lässt – wurde bereits umfassend untersucht. Der pH-Wert des Blutes wird vom Körper über Nieren und Lunge in einem extrem engen Bereich gehalten und lässt sich durch die Ernährung praktisch nicht verschieben. Genau das erklärt auch Cancer Research UK in seiner Übersicht zu Ernährungsmythen: Es gebe keine Belege dafür, dass eine basische Ernährung Krebs vorbeugen könne, da der Körper seinen Säure-Basen-Haushalt selbst reguliert.
Eine 2016 im British Medical Journal veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit kam laut dem Faktencheck-Portal Full Fact zu demselben Ergebnis: Es fanden sich keine Belege dafür, dass eine basische Ernährung das Krebsrisiko oder den Krankheitsverlauf beeinflusst. Auch Cancer Research UK weist in seiner Analyse alternativer Krebsdiäten darauf hin, dass eine solche Ernährung zwar den pH-Wert des Urins verändern kann, nicht aber den des restlichen Körpers – und dass ausgeprägt einseitige Diäten zudem das Risiko einer Mangelernährung erhöhen können.
Fasten, rohe Kost und Verzicht auf Fiebersenker: Wo es wirklich riskant wird
Neben der Theorie selbst sind es vor allem die daraus abgeleiteten praktischen Empfehlungen, die aus medizinischer Sicht Anlass zur Vorsicht geben: mehrtägiges Fasten bei ernsthaften Beschwerden, ausschließlich rohe Nahrung sowie der Verzicht auf fiebersenkende Medikamente. Fieber ist tatsächlich eine sinnvolle Immunreaktion des Körpers – das bedeutet aber nicht, dass jede Fiebersenkung schädlich wäre. Bei hohem Fieber, bei Kindern, älteren Menschen oder bei ernsthaften Grunderkrankungen kann der Verzicht auf ärztlich empfohlene Behandlung gefährlich werden. Wer bei einer ernsten Diagnose wie Krebs eigenmächtig auf mehrtägiges Fasten oder ausschließlich rohe Kost setzt, statt eine empfohlene Therapie zu beginnen oder fortzusetzen, geht laut den oben genannten Fachquellen ein erhebliches gesundheitliches Risiko ein.
Und die Sache mit den Impfungen?
Die Frequenz-Theorie verknüpft auch Impfungen mit einer angeblich erhöhten Tumor- und Krebsgefahr bei Kindern. Diese Behauptung lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht stützen. Das Robert Koch-Institut listet in seiner Aufklärungsreihe zu Impfmythen genau diese Aussage als Falschinformation auf und stellt ihr den aktuellen Forschungsstand gegenüber, wonach Impfungen nachweislich nicht krebserregend wirken und in bestimmten Fällen sogar vor Krebs schützen können (etwa durch die HPV-Impfung). Auch zur allgemeinen Sicherheit von Impfstoffen hält das Robert Koch-Institut fest, dass moderne Impfstoffe gut verträglich sind und unerwünschte Wirkungen nur selten auftreten, während sie gleichzeitig vor teils schweren Infektionskrankheiten schützen.
Warum solche Theorien trotzdem so viele Menschen ansprechen
Ein Grund für die Beliebtheit von Modellen wie der Frequenz-Theorie liegt in ihrer Einfachheit: Eine einzige Zahl soll Gesundheit oder Krankheit erklären, und ein einziger Hebel – rohe Nahrung, Fasten, positive Gedanken – soll genügen, um sie zu beeinflussen. Komplexe medizinische Zusammenhänge lassen sich damit scheinbar mühelos verstehen und selbst steuern. Genau diese Einfachheit ist aber auch das Problem: Reale Erkrankungen wie Krebs, Autoimmunerkrankungen oder Infektionen haben vielschichtige, individuell unterschiedliche Ursachen, die sich nicht auf eine einzelne Kennzahl reduzieren lassen.
Das bedeutet nicht, dass an gesunder, pflanzenbetonter Ernährung, ausreichend Bewegung oder einem bewussten Umgang mit Stress nichts dran wäre – im Gegenteil, all das trägt nachweislich zu einem geringeren Krankheitsrisiko bei. Der Unterschied liegt darin, ob solche Gewohnheiten als sinnvolle Ergänzung zu einer evidenzbasierten Behandlung verstanden werden – oder als Ersatz dafür, gestützt auf eine physikalisch nicht belegte Theorie.
Fazit
Die Vorstellung einer messbaren "Krankheitsfrequenz" in Hertz sowie das Bion-Konzept, auf dem sie aufbaut, gelten in der etablierten Wissenschaft als widerlegt beziehungsweise nie belegt. Wer sich bei ernsthaften Beschwerden für alternative Ansätze interessiert, sollte diese nach Möglichkeit mit einer Ärztin oder einem Arzt besprechen, statt eine empfohlene Diagnostik oder Behandlung eigenständig durch Fasten, rohe Kost oder den Verzicht auf Medikamente zu ersetzen.

























