Über 108.000 Menschen, fast zehn Jahre Beobachtung – und ein Ergebnis, das selbst Fachleute aufhorchen ließ: In der 2020 im British Medical Journal veröffentlichten Auswertung der Kopenhagener Bevölkerungsstudie (Copenhagen General Population Study, Herlev Gentofte Hospital) zeigte sich zwischen dem LDL-Cholesterin und der Gesamtsterblichkeit ein U-förmiger Zusammenhang. Sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe Werte gingen mit einem höheren Sterberisiko einher. Das geringste Risiko fanden die Forscher bei Menschen ohne cholesterinsenkende Behandlung bei einem LDL-Wert von etwa 3,6 mmol/l (140 mg/dl), bei Menschen mit Behandlung dagegen bei rund 2,3 mmol/l (89 mg/dl).
Klingt nach einem Freispruch für hohes Cholesterin? Ganz so einfach ist es nicht. Die Autoren und andere Fachleute weisen darauf hin, dass niedrige Werte häufig eine Folge von Krankheiten sein könnten und nicht deren Ursache. Ausdrücklich betonen sie außerdem, dass ihre Daten kein Argument gegen eine ärztlich verordnete cholesterinsenkende Therapie sind. Spannend ist der Befund dennoch: Er erinnert daran, dass Cholesterin kein Gift ist, sondern ein lebenswichtiger Baustoff.
Wenn ein Präsident seinen Speiseplan auf den Kopf stellt
Wie ernst das Thema werden kann, erlebte der frühere US-Präsident Bill Clinton am eigenen Leib. Jahrelang war er für seine Vorliebe für Hamburger und Fast Food bekannt. Im Jahr 2004 musste er sich einer vierfachen Bypass-Operation unterziehen, 2010 folgten zwei Stents, weil sich ein Bypass-Gefäß erneut verengt hatte. In einem Gespräch mit dem Sender CNN erzählte er später, er habe das Gefühl gehabt, mit seiner Gesundheit russisches Roulette gespielt zu haben, und angesichts der familiären Vorbelastung sei ein radikaler Wandel nötig gewesen.
Clinton stellte auf eine weitgehend pflanzliche Ernährung um: Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst, kaum noch Öl, kein Fleisch, keine Milchprodukte und keine Eier. Er nahm dabei mehr als zehn Kilogramm ab. Beraten wurde er unter anderem vom Arzt Dean Ornish, der ihm erklärte, dass bei seiner genetischen Veranlagung kleine Änderungen nicht ausreichen würden. Seine Geschichte zeigt beides: Ernährung kann viel bewirken, ersetzt aber nicht die ärztliche Behandlung. Clinton ließ beides miteinander kombinieren.
Gutes, schlechtes – und unverzichtbares Cholesterin
Die Geschichten über das gute und das schlechte Cholesterin kennen Sie wahrscheinlich. Weniger bekannt ist, wie vielseitig dieser Stoff im Körper arbeitet. Man kann sich Cholesterin im Blut ein wenig wie das Öl im Motor eines Autos vorstellen: Ohne Schmierstoff läuft nichts. Ist aber dauerhaft zu viel davon im Umlauf, kann sich das Überschüssige an den Gefäßwänden ablagern.
Cholesterin wird in unserem Körper dringend benötigt: für den Aufbau und das Wachstum der Zellen, für die Herstellung von Gallensäuren, von bestimmten Hormonen und von Vitamin D. Das Gesundheitsportal des deutschen Bundesgesundheitsministeriums beschreibt Cholesterin als wichtigen Baustein, der an vielen Stellen des Stoffwechsels gebraucht wird. Es weist aber auch darauf hin, dass vor allem ein erhöhtes LDL-Cholesterin das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigert. Wahr ist zudem: Den größten Teil seines Cholesterins stellt der Körper selbst in der Leber her. Über die Nahrung aufgenommenes Cholesterin spielt bei vielen Menschen eine kleinere Rolle als lange angenommen. Deutlich stärker wirkt sich die Art der Fette aus, die wir essen.
Ein Milliardenmarkt – und warum gesunde Skepsis nicht in Panik umschlagen sollte
Um zu verstehen, wie bedeutend Cholesterin für die Pharma- und Lebensmittelindustrie ist, genügt ein Blick in die Apotheken: Cholesterinsenker gehören seit Jahrzehnten zu den meistverordneten Medikamenten der Welt, und auch Lebensmittel mit „cholesterinsenkender“ Wirkung sind ein großes Geschäft. Kritische Fragen dazu sind legitim.
Trotzdem gilt: Wer aus wirtschaftlichen Interessen auf einen fehlenden Nutzen schließt, macht es sich zu leicht. Eine umfassende Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift The Lancet unter der Leitung von Professor Rory Collins (Universität Oxford) kam 2016 zu dem Schluss, dass weit mehr Menschen durch Statine vor Herzinfarkt und Schlaganfall bewahrt werden, als unter Nebenwirkungen leiden. Muskelbeschwerden treten demnach bei etwa 0,5 bis 1 Prozent der Behandelten über fünf Jahre tatsächlich durch das Medikament auf. Viele Beschwerden, die im Alltag den Tabletten zugeschrieben werden, haben laut den Forschern andere Ursachen. Die London School of Hygiene & Tropical Medicine warnte dabei ausdrücklich, dass übertriebene Angst vor Nebenwirkungen Menschen davon abhalten kann, eine sinnvolle Behandlung fortzusetzen.
Heißt das nun, dass man Cholesterinsenker einfach absetzen sollte?
Nein. Wer Medikamente einnimmt und Zweifel hat, sollte darüber offen mit seinem Arzt oder seiner Ärztin sprechen – aber die Behandlung niemals eigenmächtig beenden. Ob eine Therapie sinnvoll ist, hängt vom persönlichen Gesamtrisiko ab, also etwa von Alter, Blutdruck, Rauchen, Diabetes und familiärer Vorbelastung.
Wenn das Cholesterin plötzlich sinkt
Das ist aber noch nicht alles. In der dänischen Studie zeigte sich der U-förmige Zusammenhang auch bei der Sterblichkeit durch Krebs und andere Ursachen, nicht jedoch bei der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit. Fachleute erklären dies vor allem damit, dass schwere Erkrankungen – darunter auch noch unentdeckte Tumore – den Cholesterinspiegel selbst senken können. Ein niedriger Wert wäre dann eher ein Begleitzeichen als die Ursache.
Für den Alltag bedeutet das: Sinkt Ihr Cholesterin deutlich, ohne dass Sie Ihre Ernährung umgestellt oder Medikamente begonnen haben, lohnt sich ein Gespräch mit dem Hausarzt. Nicht aus Angst, sondern weil der Körper damit möglicherweise ein Signal sendet.
Grenzwerte im Wandel
Die empfohlenen Grenzwerte wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach gesenkt, wodurch immer mehr Menschen als behandlungsbedürftig eingestuft werden. Moderne Leitlinien setzen heute allerdings nicht mehr auf einen einzigen Wert für alle. Wie der Präsident der Cholesterin-Allianz Österreich, Martin Clodi, in der Zeitung Der Standard erklärte, hängt der passende LDL-Zielwert vom individuellen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ab. Für einen gesunden 40-Jährigen gilt also etwas anderes als für jemanden, der bereits einen Herzinfarkt hatte.
Was der Teller beitragen kann – der Blick der Ernährungsfachleute
Unabhängig davon, wo Ihre Werte liegen, kann eine ausgewogene Ernährung helfen, die Blutfette im Gleichgewicht zu halten. Diese Bausteine haben sich bewährt:
- Ballaststoffe: Hafer, Gerste, Roggen und Hülsenfrüchte können überschüssiges Cholesterin im Darm binden. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag 10 Lebensmittel, die Ihre Gefäße auf natürliche Weise reinigen und stärken.
- Die richtigen Fette: Olivenöl und Nüsse liefern ungesättigte Fettsäuren, die mit günstigeren LDL-Werten in Verbindung gebracht werden. Lesen Sie dazu Schützen Olivenöl und Walnüsse den Körper wirklich vor Krebs?
- Weniger Transfette: Industriell verarbeitete Fette können das LDL-Cholesterin erhöhen. Warum, erfahren Sie in Diese 7 Lebensmittel könnten Ihr Nervensystem heimlich belasten.
- Knoblauch und Pilze: Beiden wird eine moderate Wirkung auf die Blutfette zugeschrieben, wie der Artikel 10 Lebensmittel, auf die Ernährungsexperten schwören zeigt.
- Beeren: Heidelbeeren und Erdbeeren werden in Studien mit günstigeren Blutfettwerten in Verbindung gebracht. Lesen Sie Heidelbeeren: Die bescheidene Waldfrucht, die gleich drei Baustellen des Stoffwechsels im Blick behalten kann und Erdbeerblätter: Der Teil der Pflanze, den fast jeder wegwirft.
- Alte Hausmittel mit Augenmaß: Was Essig tatsächlich bewirken kann und wo die Forschung noch am Anfang steht, beschreibt Ein Teelöffel Reis, ein Teelöffel Essig: Die alte japanische Gewohnheit, die jetzt auch die Wissenschaft untersucht.
Dazu kommen die üblichen Verdächtigen, die nichts kosten: regelmäßige Bewegung, Verzicht auf das Rauchen, ausreichend Schlaf und ein gesundes Körpergewicht.
Fazit: Weder Feind noch Freifahrtschein
Cholesterin ist weder das Gift, als das es oft dargestellt wird, noch ein Wert, den man getrost ignorieren kann. Die Forschung zeigt, dass es auf das Gesamtbild ankommt: auf Ihr persönliches Risiko, auf den Verlauf Ihrer Werte und auf Ihren Lebensstil. Wer seine Werte kennt, sie mit dem Arzt bespricht und auf dem Teller kluge Entscheidungen trifft, ist auf dem besten Weg.

























