Jeden Herbst wiederholt sich in unzähligen Küchen dasselbe Ritual: Walnüsse werden geknackt, die Kerne wandern in die Schüssel, und die braunen, papierdünnen Trennwände zwischen den Kernhälften wandern in den Mülleimer. Dabei machen genau diese unscheinbaren Häutchen, Fachleute sprechen vom Walnuss-Septum oder lateinisch Diaphragma juglandis fructus, rund 4 bis 5 Prozent des Gesamtgewichts einer Walnuss aus, wie eine Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Foods festhält. In der traditionellen chinesischen Medizin und in der Volksheilkunde Südosteuropas gelten sie seit langem als kleiner Schatz.
Wenn die Schilddrüse plötzlich den Takt vorgibt
Wie stark eine kleine Drüse das ganze Leben beeinflussen kann, hat die US-Moderatorin Oprah Winfrey öffentlich erzählt. Im Herbst 2007 berichtete sie in ihrem Magazin und in ihrer Fernsehsendung, dass ihr Stoffwechsel zunächst so beschleunigt war, dass sie tagelang kaum schlafen konnte, bevor eine Schilddrüsenunterfunktion folgte, mit Schwäche, Müdigkeit und Gewichtszunahme (Bericht von News On 6 / AP). Ein Jahr später schrieb sie in einem sehr offenen Essay, dass die aus dem Gleichgewicht geratene Schilddrüse ihr sogar die Freude an Bewegung genommen hatte (ABC News). Ihr wichtigster Rat an die Zuschauerinnen damals: auf die Signale des Körpers achten und die Schilddrüse ärztlich untersuchen lassen.
Genau hier beginnt die Geschichte der Walnuss-Trennwände. Viele Leserinnen und Leser kennen das Ritual noch aus der Küche ihrer Großmutter: Die Häutchen wurden in einem Glas gesammelt, und wenn genug beisammen war, wurde daraus ein bitter-herber Tee gekocht, der in der kalten Jahreszeit auf dem Tisch stand.
Was die Volksheilkunde dem Walnusstee zuschreibt
Der Tee aus Walnuss-Trennwänden wird in der Volksheilkunde traditionell bei Gelenkbeschwerden, hohem Blutdruck, Verdauungsproblemen, Durchfall und Rückenschmerzen eingesetzt, am bekanntesten ist er jedoch als Hausmittel zur Unterstützung der Schilddrüse. Überliefert wird, dass die „Abfälle“ vom Nussknacken besonders viel Jod enthalten sollen und es daher schade wäre, sie wegzuwerfen.
Als Ernährungsfachleute müssen wir hier ehrlich sein: Für einen hohen Jodgehalt der Walnuss-Trennwände gibt es bislang keine verlässlichen Messwerte. In den uns bekannten wissenschaftlichen Analysen stehen ganz andere Inhaltsstoffe im Mittelpunkt (mehr dazu weiter unten). Der Tee ist deshalb eine schöne Tradition, aber keine Jodquelle, auf die man sich verlassen sollte, und erst recht kein Ersatz für eine ärztlich verordnete Therapie.
Die Schilddrüse: kleines Organ, große Wirkung
Störungen der Schilddrüse sind sehr verbreitet. Die Schilddrüse bildet unter anderem die Schilddrüsenhormone, die die Körpertemperatur, den Stoffwechsel und den Herzschlag mitregulieren. Arbeitet sie zu langsam, ist das nicht gut für den Körper. Arbeitet sie zu schnell, ebenfalls nicht. Die Schilddrüsenhormone wirken sowohl auf das Gehirn als auch auf den Darm, kaum ein Organ hat so viele Fäden in der Hand. Ausführlich erklären wir das im Beitrag Kleine Drüse, großer Einfluss: Wenn die Schilddrüse aus dem Takt gerät.
Ein häufiger Grund für eine geschwächte Schilddrüse ist ein Mangel an Jod. Deutschland gilt als Jodmangelgebiet: Laut dem Jodmonitoring des Robert Koch-Instituts haben derzeit etwa 32 Prozent der Erwachsenen ein erhöhtes Risiko für eine unzureichende Jodversorgung, wie die Apotheken Umschau zusammenfasst. Welche Beschwerden mit einem Jodmangel einhergehen können, lesen Sie in unserem Artikel Können Sie nicht abnehmen? Ihnen fehlt vielleicht Jod?
Entgegen manchen Mythen ist Jodsalz kein Feind, sondern die wichtigste Säule der Versorgung. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) betont, dass die natürlichen Jodgehalte unserer Lebensmittel nicht ausreichen, um die Bevölkerung ausreichend zu versorgen. Seine Empfehlung lautet daher „Wenn Salz, dann Jodsalz“: Jodsalz zum Kochen und Nachsalzen verwenden, Produkte mit Jodsalz bevorzugen sowie regelmäßig Milchprodukte und Meeresfisch essen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO Europa) unterstützt die Salzjodierung als bewährte Maßnahme der Gesundheitsvorsorge.
Was die Wissenschaft in den Walnuss-Trennwänden gefunden hat
Auch wenn die Jod-Legende nicht belegt ist, sind die Trennwände alles andere als wertloser Abfall. Eine systematische Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Antioxidants beschreibt das Walnuss-Septum als ein Nebenprodukt, dessen Gehalt an Pflanzenstoffen bemerkenswert ist. Forschende stellten in einer Untersuchung in Food Science and Biotechnology fest, dass die Trennwände neben verschiedenen Phenolsäuren und Flavonen auch viel löslichen Ballaststoff enthalten, rund 25,6 Gramm pro 100 Gramm.
Weitere Studien untersuchen entzündungshemmende und den Blutzucker beeinflussende Eigenschaften von Extrakten, so etwa eine Arbeit in der Fachzeitschrift Molecules. Wichtig: Diese Ergebnisse stammen überwiegend aus Laborversuchen und Tierstudien mit konzentrierten Extrakten. Ob eine Tasse selbst gekochter Tee beim Menschen eine vergleichbare Wirkung hat, ist nicht untersucht. Der Tee kann eine ausgewogene Ernährung ergänzen, Medikamente oder ärztliche Kontrollen ersetzt er nicht.
Zum Vergleich: Für den Walnusskern selbst ist die Studienlage deutlich besser. Laut Stiftung Warentest punkten Walnüsse vor allem mit der pflanzlichen Omega-3-Fettsäure Alpha-Linolensäure. Warum eine Handvoll Walnüsse täglich eine gute Idee sein kann, lesen Sie in unserem Beitrag Olivenöl und Walnüsse: Natürlicher Schutz für das Immunsystem.
So bereiten Sie den Tee aus Walnuss-Trennwänden zu
Die Trennwände sind die harten, holzigen Wände, die den Kern in der Schale festhalten. Sammeln Sie sie beim Knacken in einem sauberen, trockenen Glas. Wenn Sie etwa eine halbe Tasse beisammen haben, können Sie daraus rund 2 Liter Tee zubereiten.
- Auswählen: Verwenden Sie nur saubere, trockene Trennwände ohne Schimmel, dunkle Flecken oder muffigen Geruch. Schimmelige Walnüsse gehören komplett in den Müll.
- Kochen: Bringen Sie das Wasser zum Kochen, geben Sie die Trennwände hinzu und lassen Sie alles etwa 10 Minuten sanft köcheln.
- Ziehen lassen: Lassen Sie den Tee eine halbe Stunde stehen und abkühlen, dann abseihen.
- Aufbewahren: Füllen Sie den Tee in eine saubere Glasflasche und bewahren Sie ihn im Kühlschrank auf. Am besten trinken Sie ihn innerhalb von ein bis zwei Tagen.
Traditionell werden bis zu drei Tassen täglich über etwa eine Woche getrunken, danach legt man eine Pause ein. Wir empfehlen, mit einer Tasse zu beginnen und darauf zu achten, wie Sie den Tee vertragen. Am besten schmeckt er pur. Wenn Ihnen der herbe Geschmack nicht zusagt, können Sie einen Löffel Honig oder selbst gemachte Marmelade ohne Zucker hinzufügen.
Wer vorsichtig sein sollte
Auch natürliche Hausmittel sind nicht für jeden geeignet. Sprechen Sie vor einer regelmäßigen Anwendung mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder in der Apotheke, wenn einer der folgenden Punkte auf Sie zutrifft:
- Sie haben eine diagnostizierte Schilddrüsenerkrankung (Unter- oder Überfunktion, Hashimoto, Knoten) oder nehmen Schilddrüsenhormone ein.
- Sie nehmen Medikamente gegen Bluthochdruck oder Diabetes ein.
- Sie sind schwanger oder stillen.
- Sie haben eine Allergie gegen Walnüsse oder andere Schalenfrüchte.
Beim Thema Jod gilt außerdem: Mehr ist nicht besser. Eine Überdosierung kann die Schilddrüse belasten. Vor Selbstversuchen mit hoch dosierten Jodprodukten wie der Lugolschen Lösung warnt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ausdrücklich, wie die Apotheken Umschau berichtet.
Häufige Fragen
Ersetzt der Walnusstee Jodsalz?
Nein. Ein verlässlicher Jodgehalt der Trennwände ist nicht belegt. Für eine gute Versorgung empfehlen Fachstellen Jodsalz, Milchprodukte und Meeresfisch.
Kann ich den Tee vorbeugend trinken?
Als gelegentliches, herbes Getränk im Rahmen einer abwechslungsreichen Ernährung spricht für gesunde Erwachsene in der Regel nichts dagegen. Eine nachgewiesene Wirkung auf das Immunsystem oder die Schilddrüse sollte man aber nicht erwarten.
Kann ich die Trennwände auch anders verwenden?
Ja. Manche nutzen sie getrocknet als Zugabe zu Kräutertee-Mischungen oder setzen sie, wie bei anderen Kräutern üblich, in Alkohol als Likör an.
Fazit
Die Reste vom Walnussknacken müssen nicht im Müll landen. Die Trennwände sind reich an Polyphenolen und Ballaststoffen und lassen sich zu einem traditionellen, herbstlichen Tee verarbeiten. Die volkstümliche Annahme, sie seien eine starke Jodquelle oder könnten Krankheiten heilen, ist wissenschaftlich jedoch nicht belegt. Wer seiner Schilddrüse etwas Gutes tun möchte, setzt am besten auf Jodsalz, eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige ärztliche Kontrollen. Der Walnusstee darf dabei eine kleine, genussvolle Ergänzung sein.

























