Ein Blick genügt, um zu verstehen, warum die Breuss-Diät seit Jahrzehnten für Diskussionen sorgt: Kein Fleisch, kein Brot, keine Milch – nur Gemüsesaft, Tee und eine dünne Zwiebelsuppe, sechs Wochen lang. Wer diese Methode gegen eine schwere Krankheit wie Krebs einsetzen möchte, folgt einem Versprechen, das bis heute nicht wissenschaftlich belegt ist.
Wer war Rudolf Breuss?
Rudolf Breuss wurde am 24. Juni 1899 im österreichischen Bludenz in Vorarlberg geboren und arbeitete ursprünglich als Elektriker. Weltweit bekannt wurde er durch sein Buch „Krebs, Leukämie und andere scheinbar unheilbare Krankheiten – naturgemäß behandelt", das laut Verlagsangaben in mehr als zwei Millionen Exemplaren verkauft wurde. Breuss starb am 17. Mai 1990 eines natürlichen Todes. In seinem 1980 erschienenen Buch behauptete er, mit seiner Methode über 45.000 Menschen geheilt zu haben – eine Zahl, die von keiner unabhängigen medizinischen Institution überprüft oder bestätigt wurde.
Die Logik hinter der Methode
Breuss ging von einer scheinbar einfachen Überlegung aus: Der Körper benötigt Eiweiß zum Wachstum. Fehlt dieses Eiweiß über längere Zeit, greift der Körper zunächst auf eigene Reserven zurück – und soll danach, so die unbewiesene Theorie, auch krankhaftes Gewebe wie Tumore als Energiequelle „verwerten". Ohne Nährstoffzufuhr könnten Tumore demnach nicht nur nicht weiterwachsen, sondern sogar absterben. Für diese zentrale Behauptung gibt es bis heute keinen wissenschaftlichen Nachweis.
Während der Kur soll ausschließlich kein Eiweiß aufgenommen werden. Die Energieversorgung erfolgt über selbstgepressten Gemüsesaft aus roter Bete, Karotten, Sellerie, Rettich und Kartoffeln, dazu bis zu zwei Liter Kräutertee täglich und mittags eine Tasse klare Zwiebelsuppe.
Eine Methode mit erheblichen Risiken
Wer die Kur durchführen möchte, soll den Körper vorab mit Einläufen reinigen, sich täglich moderat bewegen und massieren lassen, um die Durchblutung anzuregen. Auch Stressbewältigung und „innere Reinigung" gehören laut Breuss dazu.
Entscheidend ist jedoch: Eine sechswöchige, nahezu eiweißfreie Diät ist eine massive Belastung für den Körper und sollte unter keinen Umständen ohne engmaschige ärztliche Begleitung durchgeführt werden. Menschen reagieren höchst unterschiedlich auf längeres Fasten – bei ohnehin geschwächten oder unterernährten Krebspatienten kann eine solche Kur den Gesundheitszustand zusätzlich verschlechtern.
Anerkennung nur in Russland
International wird die Breuss-Diät von der Schulmedizin nicht anerkannt. Eine Ausnahme bildet Russland, wo verwandte Fastenmethoden teils in Behandlungskonzepte einfließen – etwa jene, die auf den Forschungen von Alexei Suworin aus den 1930er-Jahren aufbauen, der indische, tibetische und chinesische Heilmethoden untersuchte. Der russische Autor Gennadi Malachow dokumentierte diese Ansätze später in seinem Buch „Heilfasten", das in entsprechenden Kreisen bis heute als Referenzwerk gilt. Auch die darin genannten Heilungsversprechen – etwa dass Diabetes in 8 bis 12 Tagen oder Rheuma in 5 bis 6 Wochen „verschwinden" solle – entstammen keiner kontrollierten klinischen Studie.
Was passiert beim Fasten wirklich mit dem Körper?
Untersuchungen an verhungerten Menschen zeigen, dass der Körper im Schnitt etwa 97 % des Körperfetts verliert, die Leber schrumpft um rund 6 %, die Muskelmasse um etwa 30 % und selbst das Blutvolumen nimmt um etwa 17 % ab. Nahezu unverändert bleibt dagegen das Gehirn, das seinen Energiebedarf auch auf Kosten anderer Organe deckt. Das zeigt: Längeres Fasten greift den gesamten Organismus massiv an – ein Umstand, der bei einer ohnehin geschwächten Krebspatientin oder einem Krebspatienten besonders schwer wiegt.
Was sagt die wissenschaftliche Literatur?
2012 veröffentlichte die renommierte deutsche Fachzeitschrift Deutsche Medizinische Wochenschrift (DMW) eine Übersichtsarbeit zu Diäten bei Krebserkrankungen. Die Autoren kamen nach Sichtung der verfügbaren Literatur zu dem Schluss, dass für die Breuss-Diät und vergleichbare Methoden keine klinischen Wirksamkeitsnachweise vorliegen – wohl aber Berichte über Nebenwirkungen wie Mangelernährung. Die vollständige Studie ist hier einsehbar: „Wie sinnvoll sind Diäten gegen Krebs?", DMW 2012.
Fazit
Die Breuss-Diät bleibt ein historisch interessantes, aber wissenschaftlich unbelegtes Konzept. Wer sich für Fasten oder alternative Ernährungsansätze interessiert, sollte dies ausschließlich als mögliche Ergänzung – niemals als Ersatz – zu einer schulmedizinisch anerkannten Behandlung verstehen und jeden Schritt vorab mit dem behandelnden Ärzteteam abstimmen. Bei Krebserkrankungen kann der Verzicht auf etablierte Therapien wertvolle Zeit kosten, die im Krankheitsverlauf entscheidend sein kann.

























