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Datum: 21. AUG 26 - GUT ZU WISSEN
>Milch und Medikamente: Die unterschätzte Kombination, vor der Apotheker warnen
Ein Schluck Milch im Kaffee, eine Grapefruit zum Frühstück, ein Stück Kuchen nach dem Mittagessen – klingt harmlos. Doch bei bestimmten Medikamenten kann genau das die Wirkung spürbar verändern.

Ein Glas Milch zum Antibiotikum, eine Grapefruit zum Cholesterinsenker – für viele ein ganz normaler Frühstückstisch. Was dabei im Körper passiert, überrascht selbst manchen Arzt: Bestimmte Nährstoffe können die Aufnahme von Medikamenten im Darm regelrecht blockieren, noch bevor der Wirkstoff überhaupt ins Blut gelangt. Genau dieses Zusammenspiel zwischen Lebensmitteln und Arzneimitteln rückt in der Ernährungsmedizin zunehmend in den Fokus.



Eine Leserin unseres Portals berichtete uns kürzlich, wie sie über Jahre hinweg ihre Antibiotika-Tabletten routinemäßig mit einem Glas Milch heruntergespült hatte – bis ihre Apothekerin sie beiläufig darauf ansprach, dass genau dieses Glas Milch der Grund sein könnte, warum die Infektion einfach nicht abklingen wollte. Seither achtet sie penibel auf den zeitlichen Abstand zwischen Mahlzeiten und Medikamenteneinnahme. Ihre Erfahrung ist keine Ausnahme, sondern spiegelt ein Phänomen wider, das Pharmakologen schon länger beschäftigt.



Warum Kalzium aus Milch Antibiotika ausbremsen kann



Dass Ernährung unseren Organismus beeinflusst, ist bekannt. Weniger bekannt ist, wie direkt dieser Einfluss bei manchen Medikamenten ausfällt. Das Kalzium in Milch und anderen Milchprodukten kann sich im Magen-Darm-Trakt an bestimmte Wirkstoffe binden und dabei sogenannte Chelate bilden – schwer lösliche Verbindungen, die der Körper kaum noch aufnehmen kann. Betroffen sind vor allem zwei Antibiotika-Klassen: Tetracycline (etwa Doxycyclin) und Fluorchinolone (etwa Ciprofloxacin).



Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse im Journal of Antimicrobial Chemotherapy bestätigt: Bei fast allen untersuchten Tetracyclinen führte die gleichzeitige Einnahme mit Milch zu einer deutlich verringerten Wirkstoffaufnahme, vermutlich durch genau diese Kalzium-Chelatbildung. Auch der Patienten-Ratgeber Patient.info empfiehlt, zwischen der Einnahme von Tetracyclinen und dem Verzehr von Milchprodukten mindestens zwei bis drei Stunden Abstand zu halten.



Die praktische Konsequenz daraus ist einfach: Wer ein Antibiotikum aus dieser Gruppe verschrieben bekommt, sollte im Zweifel eine Stunde vor und nach der Einnahme auf Milch, Milchkaffee, Joghurt, Käse und andere Milchprodukte verzichten – und im Beipackzettel oder beim Apotheker nachfragen, ob das eigene Präparat betroffen ist. Wer generell mehr über das Zusammenspiel von Milch und Alltagsgewohnheiten erfahren möchte, findet dazu auch einen Beitrag über Milch mit Backpulver gegen Ernährungssünden auf unserem Portal.



Zucker und Blutdruckmedikamente: ein Zusammenhang, den man nicht überbewerten sollte



Ein einzelnes Stück Kuchen oder ein Glas Limonade werden die Wirkung eines Blutdruckmedikaments nicht "auf null" setzen – so einfach ist die Beziehung zwischen Zucker und Blutdruck in der Realität nicht. Was die Forschung aber zeigt: Ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum kann langfristig den Blutdruck ungünstig beeinflussen und die Arbeit blutdrucksenkender Medikamente erschweren, weil Übergewicht, Insulinresistenz und Gefäßbelastung zusammenspielen. Ein einzelner "Ausrutscher" ist daher weniger entscheidend als das grundsätzliche Ernährungsmuster über Wochen und Monate.



Wer mehr über den Vergleich zwischen Zucker und Salz und deren jeweilige gesundheitliche Auswirkungen erfahren möchte, kann das im Beitrag Was schadet der Gesundheit mehr, Salz oder Zucker? nachlesen.



Grapefruit und Cholesterinsenker: die bekannteste Lebensmittel-Medikamenten-Wechselwirkung



Anders als bei Zucker ist die Wechselwirkung zwischen Grapefruit und bestimmten Cholesterinsenkern (Statinen) inzwischen sehr gut belegt – so gut, dass die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA für zahlreiche Medikamente entsprechende Warnhinweise vorschreibt. Grapefruit enthält Furanocumarine, die ein Enzym im Darm namens CYP3A4 hemmen. Dieses Enzym ist normalerweise dafür zuständig, bestimmte Wirkstoffe abzubauen. Wird es blockiert, gelangt mehr Wirkstoff unverändert ins Blut – bei manchen Statinen kann der Blutspiegel dadurch deutlich ansteigen.



Eine im American Journal of Medicine veröffentlichte Analyse zeigt, dass ein tägliches Glas Grapefruitsaft die Blutwerte von Simvastatin und Lovastatin um bis zu etwa 260 Prozent erhöhen kann, wenn beides gleichzeitig eingenommen wird; bei Atorvastatin liegt der Anstieg bei rund 80 Prozent – unabhängig vom Zeitpunkt der Einnahme. Andere Statine wie Rosuvastatin oder Pravastatin sind davon kaum betroffen. Auch die Mayo Clinic und die FDA weisen darauf hin, dass die Liste betroffener Medikamente weit über Cholesterinsenker hinausgeht und auch bestimmte Blutdruckmittel, Immunsuppressiva sowie einige Herz- und Beruhigungsmittel umfasst.



Wichtig zu wissen: Ein zeitlicher Abstand zwischen Grapefruit und Medikamenteneinnahme hilft hier meist nicht, da die Wirkung des Enzym-Hemmstoffs bis zu 24 Stunden anhalten kann. Wer regelmäßig Grapefruit isst oder Saft trinkt, sollte deshalb grundsätzlich mit dem behandelnden Arzt oder der Apothekerin besprechen, ob eine Wechselwirkung mit den eigenen Medikamenten besteht – gerade auch nach größeren chirurgischen Eingriffen oder bei Immunsuppression, wo Statine, Immunsuppressiva und andere sensible Präparate häufig zum Einsatz kommen.



Fruchtzucker, Tomaten und Co.: nicht jede Frucht ist automatisch ein Risiko



Häufig liest man die pauschale Warnung, sämtliches Obst mit Fruchtzucker – inklusive Tomaten und Tomatenprodukten – könne die Wirkung von Medikamenten beeinträchtigen. Diese Aussage ist in dieser allgemeinen Form nicht durch belastbare Studien gedeckt. Tatsächlich betroffen sind vor allem Zitrusfrüchte mit einem hohen Gehalt an Furanocumarinen, allen voran die Grapefruit, in geringerem Maße auch Pomelo und Bitterorangen. Süße Orangen, Mandarinen oder eben Tomaten zählen laut aktueller Datenlage nicht zu den relevanten Risikolebensmitteln. Über die positiven Eigenschaften von Tomaten – etwa für den Cholesterinstoffwechsel – berichten wir ausführlicher im Beitrag Tomatensaft gegen Cholesterin (und noch viel mehr!).



Auch andere Naturstoffe können mit Medikamenten interagieren, ohne dass dies allgemein bekannt ist. So kann etwa Ingwer bei Menschen, die Blutverdünner oder Blutdruckmedikamente einnehmen, die Wirkung verstärken – mehr dazu im Beitrag Ist Ingwer für Sie gesund?.



Was Sie konkret tun können




  • Zeitabstand einhalten: Bei Antibiotika wie Tetracyclinen möglichst eine Stunde vor bis zwei Stunden nach der Einnahme auf Milchprodukte verzichten.

  • Beipackzettel lesen: Viele Hinweise zu Lebensmittel-Wechselwirkungen stehen bereits in der Packungsbeilage.

  • Bei Grapefruit vorsichtig sein: Wer Statine, bestimmte Blutdruckmittel oder Immunsuppressiva einnimmt, sollte den Grapefruitkonsum vorab mit Arzt oder Apotheke abklären – ein zeitlicher Abstand reicht hier meist nicht aus.

  • Nicht in Panik verfallen: Ein einzelnes Glas Milch oder ein Stück Kuchen ist selten dramatisch. Entscheidend ist das wiederholte, unbedachte Zusammentreffen von Medikament und Lebensmittel über einen längeren Zeitraum.

  • Im Zweifel fragen: Apothekerinnen und Apotheker sind die erste Anlaufstelle für Fragen zu Wechselwirkungen zwischen Ernährung und Medikamenten.



Fazit



Die Forschung zu Lebensmittel-Medikamenten-Wechselwirkungen steht in vielen Bereichen noch am Anfang, auch wenn einzelne Zusammenhänge – wie bei Grapefruit und Statinen oder Milch und Tetracyclinen – bereits gut dokumentiert sind. Klar ist: Ernährung und Medikamente sollten nicht isoliert betrachtet werden. Ein informierter Umgang, ein kurzes Gespräch mit der Apotheke und ein wenig Aufmerksamkeit beim Frühstückstisch können bereits viel bewirken. Wir werden dieses Thema weiterhin verfolgen und über neue Erkenntnisse berichten.


 
Lebensmittel-Medikamenten-Wechselwirkungen
 
Milch und Antibiotika
 
Grapefruit und Cholesterinsenker
 
Zucker und Blutdruck
 
Nährstoffe und Arzneimittel
 





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Februar 2015
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