Brennen beim Wasserlassen, ständiger Harndrang, ein unangenehmes Ziehen im Unterbauch: Wer schon einmal eine Blasenentzündung hatte, vergisst dieses Gefühl so schnell nicht. Und es betrifft viele. Laut dem Gesundheitsportal des Bundesgesundheitsministeriums gesund.bund.de bekommen rund 10 von 100 Frauen mindestens einmal im Jahr eine Blasenentzündung, und wer schon einmal betroffen war, erkrankt mit höherer Wahrscheinlichkeit erneut. Umso überraschender ist eine Erkenntnis amerikanischer Forscher: Unser Immunsystem scheint bestimmte Pflanzenstoffe aus der Nahrung regelrecht als Werkzeug zu nutzen, um Bakterien in den Harnwegen das Leben schwer zu machen.
Wie belastend wiederkehrende Harnwegsinfekte sein können, schilderte kürzlich eine aus dem amerikanischen Fernsehen bekannte Darstellerin in einem Podcast-Gespräch. Sie erzählte offen, dass sie etwa alle vier Monate mit einer solchen Infektion zu kämpfen hat und diese als regelrecht lähmend empfindet. Mit ihrer Offenheit wollte sie vor allem eines: anderen Frauen zeigen, dass sie mit diesem Problem nicht allein sind. Ähnliche Erfahrungen berichten uns auch Leserinnen immer wieder. Eine von ihnen schrieb, sie habe nach mehreren Infekten in einem Jahr gemeinsam mit ihrer Ärztin ihre Trink- und Essgewohnheiten überprüft und seitdem deutlich mehr Wasser, ungesüßte Getränke und Beeren in ihren Alltag eingebaut. „Es ist kein Wundermittel“, schrieb sie, „aber ich fühle mich besser und achte bewusster auf meinen Körper.“
Was die Forscher der Washington University herausgefunden haben
Wissenschaftler der Washington University School of Medicine in St. Louis haben untersucht, warum manche Menschen anfälliger für Harnwegsinfekte sind als andere und welche Rolle die Ernährung dabei spielt. Sie fanden heraus, dass dabei die Verfügbarkeit von Eisen für die Bakterien eine wichtige Rolle spielt. Ganz besonders bedeutsam scheinen jedoch die Polyphenole aus der Nahrung zu sein: pflanzliche Stoffe mit antioxidativen Eigenschaften, die in Beeren, Tee, Kaffee und Kakao vorkommen.
Im Detail: Das Forschungsteam um Jeffrey P. Henderson ließ im Labor Kolibakterien (Escherichia coli), die häufigsten Auslöser von Harnwegsinfekten, im Urin gesunder Freiwilliger wachsen. Dabei beobachteten sie die Wirkung eines körpereigenen Abwehrproteins namens Siderocalin. Dieses Eiweiß entzieht Bakterien das Eisen, das sie zum Wachsen benötigen. Wie die Universität in ihrer Pressemitteilung berichtet, wirkte das Protein von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich gut. Entscheidend waren zwei Faktoren: der Säuregrad des Urins und das Vorhandensein bestimmter kleiner Moleküle, sogenannter aromatischer Stoffwechselprodukte. Diese entstehen, wenn unsere Darmbakterien Pflanzenstoffe aus der Nahrung verarbeiten.
Ein interessantes Detail, das manche bisherige Annahme infrage stellt: Weniger saurer Urin unterstützte die Abwehrwirkung in den Versuchen besser als stark saurer Urin. Die Studie wurde im Fachblatt The Journal of Biological Chemistry veröffentlicht. Gegenüber dem Nachrichtenmagazin TIME nannte Henderson Kaffee, Tee, farbenfrohe Beeren und dunkle Schokolade als gute Quellen solcher Pflanzenstoffe. Wichtig ist allerdings: Es handelt sich um Laboruntersuchungen. Ob und wie stark sich diese Ergebnisse im Alltag auswirken, muss noch weiter erforscht werden.
Inspiriert von diesen Erkenntnissen haben wir eine interessante Nachspeise zusammengestellt, die genau diese Lebensmittel vereint und dazu noch ein wahrer Genuss für die Verdauung ist.
Und was ist mit Cranberrys?
Cranberrys, auch Großfrüchtige Moosbeeren genannt, gelten seit Jahrzehnten als Hausmittel für die Blase. Sie enthalten sogenannte Proanthocyanidine, die nach heutigem Wissensstand das Anhaften von Bakterien an der Blasenschleimhaut erschweren können. Eine große Übersichtsarbeit des unabhängigen Forschungsnetzwerks Cochrane aus dem Jahr 2023 mit rund 50 Studien kam zu dem Ergebnis, dass Cranberry-Produkte das Risiko erneuter Infekte bei Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten um etwa ein Viertel senken könnten. Auch die AOK berichtet über diese Ergebnisse. Zur Behandlung einer bereits bestehenden Infektion sind Cranberrys jedoch nicht geeignet, und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat bisher keine Gesundheitsangaben für Cranberrys zugelassen. Henderson vermutet übrigens, dass Cranberrys womöglich besser wirken, wenn gleichzeitig die übrige Ernährung stimmt und die passenden Darmbakterien vorhanden sind.
Das Rezept: Geschichtetes Beeren-Joghurt-Dessert für die Harnwege
Zutaten (für 2 Gläser):
- frische Heidelbeeren und etwas Heidelbeersaft
- ungesüßter Cranberrysaft (Muttersaft)
- Naturjoghurt, ohne Zucker
- 1 Teelöffel Matcha (gemahlener grüner Tee) oder fein gemahlener schwarzer Tee
- 2 bis 3 Stückchen dunkle Schokolade (mindestens 70 % Kakaoanteil), gerieben
- Haferflocken, gehackte Nüsse und geschrotete Leinsamen
Zubereitung:
Geben Sie zuerst eine Schicht aus Flocken, Nüssen und Leinsamen in ein Glas, darauf eine Schicht Joghurt und anschließend eine Schicht Heidelbeeren. Bestäuben Sie das Ganze mit etwas Matcha oder Tee und beträufeln Sie es mit Cranberry- und Heidelbeersaft. Wiederholen Sie den Vorgang bis zum Rand des Glases. Zum Schluss streuen Sie die geriebene dunkle Schokolade darüber.
Wenn Sie glauben, Sie könnten einfach alle Zutaten mixen und daraus einen Smoothie machen, liegen Sie nicht ganz richtig. Ein geschichtetes Dessert mit ganzen Beeren, Flocken und Nüssen fordert die Verdauung stärker: Es wird gründlicher gekaut, langsamer gegessen, und die groben Ballaststoffe bleiben erhalten. Ballaststoffe dienen den nützlichen Darmbakterien als Nahrung, und genau diese Darmbakterien verwandeln laut den Forschern Pflanzenstoffe in jene Stoffwechselprodukte, die später im Urin die körpereigene Abwehr unterstützen könnten. Zudem gehören Beeren und Milchprodukte zu den Lebensmitteln, die den Urin eher weniger sauer machen als eine fleischreiche Kost.
Tipp aus der Ernährungspraxis: Achten Sie beim Cranberrysaft unbedingt auf ungesüßte Ware. Viele handelsübliche Cranberry-Getränke enthalten viel zugesetzten Zucker, der den positiven Ansatz zunichtemachen kann. Wer den herben Geschmack nicht mag, mischt den Muttersaft mit Heidelbeersaft oder etwas Wasser. Naturjoghurt mit lebenden Kulturen bringt zusätzlich Milchsäurebakterien mit, die zu einer ausgewogenen Darmflora beitragen können.
Wie gut Heidelbeeren und Joghurt zusammenpassen, beschreiben wir auch im Beitrag Heidelbeeren: Die bescheidene Waldfrucht, die gleich drei Baustellen des Stoffwechsels im Blick behalten kann. Wer morgens wenig Zeit hat, findet eine schnelle Variante im Artikel Wenn Sie das Frühstück ausfallen lassen, dann wenigstens richtig: Dieser Chia-Kokos-Heidelbeer-Drink liefert in zwei Minuten, wozu ein hastiger Kaffee allein nicht in der Lage ist.
Was die Blase sonst noch entlasten kann
Zum Schluss noch ein Hinweis: Kohlensäurehaltige und gezuckerte Getränke, viel Fleisch und tierisches Eiweiß sowie reichlich Zucker machen den Urin saurer und können die Blase zusätzlich reizen. Auch das Gesundheitsportal t-online weist darauf hin, dass Alkohol, Kaffee und Zucker bei einer akuten Blasenentzündung keine gute Wahl sind. Eine Harnwegsinfektion kann allerdings bei jedem Menschen und unabhängig von der Ernährung entstehen, denn ausschlaggebend sind in erster Linie Bakterien. Eine ausgewogene, pflanzenbetonte Ernährung ist daher eine sinnvolle Ergänzung, aber kein sicherer Schutz.
Ebenso wichtig sind alltägliche Gewohnheiten:
- ausreichend trinken, am besten Wasser und ungesüßte Kräutertees
- die Blase regelmäßig entleeren und den Harndrang nicht lange unterdrücken
- nach dem Geschlechtsverkehr Wasser lassen
- die Füße und den Unterleib warm halten
Eine vielfältige, pflanzenreiche Kost unterstützt nicht nur die Harnwege, sondern auch die Darmflora, wie wir im Beitrag Wenn die Natur den Speiseplan bestimmt: Warum saisonales Obst und Gemüse dem Körper so guttut ausführlicher beschreiben. Welche weiteren Lebensmittel bei Fachleuten hoch im Kurs stehen, lesen Sie in unserem Artikel 10 Lebensmittel, auf die Ernährungsexperten schwören.
Wann Sie unbedingt zum Arzt gehen sollten
Ein Dessert kann eine ausgewogene Ernährung bereichern, aber eine bestehende Infektion behandelt es nicht. Suchen Sie ärztlichen Rat, wenn die Beschwerden nach wenigen Tagen nicht abklingen, wenn Fieber, Schüttelfrost, Schmerzen in der Flanke oder Blut im Urin auftreten oder wenn Sie schwanger sind. Auch Männer, Kinder und Menschen mit Vorerkrankungen sollten Beschwerden beim Wasserlassen immer ärztlich abklären lassen. Wer regelmäßig blutverdünnende Medikamente einnimmt, sollte größere Mengen Cranberry-Produkte vorab mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen.

























