Ihre Morgentasse könnte mehr für Sie tun, als Sie nur wach zu machen. Forscher des amerikanischen National Cancer Institute haben herausgefunden, dass Menschen, die drei oder mehr Tassen Kaffee am Tag trinken, deutlich seltener erhöhte Leberwerte aufweisen als Menschen, die auf Kaffee verzichten. Die eigentliche Überraschung kam jedoch erst danach: Auch bei Menschen, die ausschließlich entkoffeinierten Kaffee tranken, zeigte sich ein ähnliches Bild. Das Koffein scheint also nicht der entscheidende Stoff zu sein.
Voltaire und seine legendären Kaffeetassen
Kaum ein berühmter Mensch wird so eng mit Kaffee in Verbindung gebracht wie der französische Philosoph Voltaire. Überlieferungen zufolge soll er täglich Dutzende Tassen getrunken haben – manche Quellen sprechen von bis zu 40 oder gar 50. Als ihn ein Arzt gewarnt haben soll, Kaffee sei ein langsam wirkendes Gift, soll Voltaire trocken geantwortet haben, das müsse wohl stimmen, denn er trinke ihn nun schon seit über 60 Jahren. Er wurde 83 Jahre alt – für das 18. Jahrhundert ein stolzes Alter. Natürlich ist eine solche Anekdote kein wissenschaftlicher Beweis, und Mengen wie bei Voltaire empfiehlt heute niemand. Doch sie zeigt, wie alt die Frage ist, ob Kaffee dem Körper schadet oder nützt.
Vielleicht kennen Sie die Situation auch aus eigener Erfahrung: Beim Hausarzt wird Blut abgenommen, einige Tage später fällt der Blick auf die Leberwerte – und plötzlich fragt man sich, was man im Alltag selbst für dieses stille Organ tun kann. Genau hier setzt die folgende Studie an.
Was die Forscher genau untersucht haben
Das National Cancer Institute in Bethesda (Maryland) wertete Daten von 27.793 Erwachsenen ab 20 Jahren aus, die an der großen amerikanischen Gesundheits- und Ernährungserhebung NHANES der Jahre 1999 bis 2010 teilgenommen hatten. Alle Teilnehmer wurden gründlich ärztlich untersucht und gaben genau an, wie viel Kaffee sie im Laufe eines Tages getrunken hatten.
Anschließend verglichen die Wissenschaftler um Dr. Qian Xiao die Blutwerte von vier wichtigen Leberenzymen: ALT, AST, alkalische Phosphatase (AP) und Gamma-GT. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift „Hepatology“ (Xiao und Kollegen, 2014: „Inverse associations of total and decaffeinated coffee with liver enzyme levels in NHANES 1999–2010“), die von der amerikanischen Lebergesellschaft AASLD herausgegeben wird.
Weniger auffällige Leberwerte bei Kaffeetrinkern
Die größten Unterschiede zeigten sich tatsächlich bei den Leberenzymen. Wer drei oder mehr Tassen Kaffee am Tag trank, hatte bei allen vier gemessenen Enzymen niedrigere Werte als Menschen, die gar keinen Kaffee tranken. Je höher der Kaffeekonsum, desto seltener waren die Werte auffällig erhöht.
Da sich unter den Teilnehmern auch eine Gruppe befand, die ausschließlich entkoffeinierten Kaffee trank, war es besonders spannend, auch deren Leberwerte zu betrachten. Es stellte sich heraus, dass auch sie günstiger ausfielen: Wer mindestens zwei Tassen entkoffeinierten Kaffee am Tag trank, hatte zum Beispiel ein um rund ein Drittel geringeres Risiko für einen auffälligen ALT-Wert. Die Forscher folgern daraus, dass der Stoff, der für diesen Unterschied verantwortlich ist, wohl im Kaffee selbst steckt – und nicht im Koffein.
Warum Leberwerte überhaupt wichtig sind
Leberenzyme gelangen vermehrt ins Blut, wenn Leberzellen belastet oder geschädigt sind. Dauerhaft erhöhte Werte können daher ein Hinweis auf Leberprobleme sein, etwa auf eine Fettleber, eine Entzündung oder die Folgen von zu viel Alkohol. Laut der Deutschen Leberstiftung ist bereits bei rund einem Drittel der Erwachsenen eine Fettleber festzustellen – meist ohne spürbare Beschwerden. Erhöhte Werte gehören deshalb immer in ärztliche Hände; Kaffee kann eine Untersuchung oder Behandlung keinesfalls ersetzen.
Auch andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen
Die Untersuchung des National Cancer Institute steht nicht allein. Forscher der Universität Southampton werteten neun Langzeitstudien mit fast einer halben Million Menschen aus und beobachteten, dass Menschen mit zwei Tassen Kaffee am Tag seltener an einer Leberzirrhose erkrankten, wie die Schweizer Zeitung „Blick“ berichtete. Eine Auswertung italienischer Wissenschaftler vom Forschungsinstitut „Mario Negri“ in Mailand, die in der Fachzeitschrift „Clinical Gastroenterology and Hepatology“ erschien, brachte regelmäßigen Kaffeegenuss mit einem geringeren Leberkrebsrisiko in Verbindung, wie das Deutsche Ärzteblatt zusammenfasste.
Auch eine neuere Untersuchung, über die Euronews im Jahr 2026 berichtete, fand ähnliche Zusammenhänge für Kaffee mit und ohne Koffein. Bemerkenswert ist die Zurückhaltung der Studienleiter: Sie empfehlen moderaten Kaffeegenuss für Menschen, die Kaffee ohnehin mögen und gut vertragen – raten aber ausdrücklich davon ab, nur wegen der Leber mit dem Kaffeetrinken anzufangen.
Welche Stoffe könnten dahinterstecken?
Welcher Bestandteil des Kaffees für die günstigeren Leberwerte verantwortlich ist, wissen die Forscher bis heute nicht genau. Kaffee enthält über tausend verschiedene Verbindungen. Besonders oft genannt werden:
- Chlorogensäuren – pflanzliche Stoffe mit antioxidativen Eigenschaften, die auch in entkoffeiniertem Kaffee weitgehend erhalten bleiben,
- Kahweol und Cafestol – zwei Kaffeeöle, die in Laborstudien schützende Effekte auf Leberzellen zeigten,
- Melanoidine – Röststoffe, die beim Rösten der Bohnen entstehen und ebenfalls antioxidativ wirken können.
Wahrscheinlich ist es das Zusammenspiel vieler Stoffe. Das passt gut zu der Beobachtung, dass auch entkoffeinierter Kaffee mit günstigeren Werten verbunden war.
Wie viel Kaffee ist vernünftig?
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stuft für gesunde Erwachsene bis zu 400 Milligramm Koffein am Tag als unbedenklich ein – das entspricht je nach Zubereitung etwa drei bis vier Tassen Filterkaffee. Schwangere und Stillende sollten nicht mehr als 200 Milligramm am Tag zu sich nehmen. Wer abends Kaffee genießen möchte oder empfindlich auf Koffein reagiert, kann laut den Studienergebnissen gut zu entkoffeiniertem Kaffee greifen.
Einige praktische Tipps aus ernährungswissenschaftlicher Sicht:
- Zucker und Sahne sparsam verwenden: Viel Zucker belastet die Leber eher, als dass er ihr hilft. Sirupe und süße Kaffeegetränke machen mögliche Vorteile schnell zunichte.
- Gefilterter Kaffee bei erhöhtem Cholesterin: Ungefilterter Kaffee (etwa aus der Kanne mit Kolben oder aufgebrüht im türkischen Stil) enthält mehr Kaffeeöle, die das Cholesterin leicht erhöhen können.
- Auf den eigenen Körper hören: Herzklopfen, Unruhe, Sodbrennen oder Schlafprobleme sind ein Zeichen, die Menge zu reduzieren.
- Bei Medikamenten nachfragen: Wer regelmäßig Medikamente einnimmt oder eine Lebererkrankung hat, sollte die passende Kaffeemenge mit dem Arzt oder Apotheker besprechen.
Wer seinen Koffeinkonsum reduzieren möchte, findet im Rundgesund.com-Artikel „Dinge, die Sie besser als Kaffee aufwecken würden“ hilfreiche Alternativen für einen frischen Start in den Tag. Und wer noch Kaffeesatz übrig hat, kann sich im Beitrag „10 alternative Verwendungen von Kaffee“ inspirieren lassen.
Kaffee allein macht noch keine gesunde Leber
So erfreulich die Ergebnisse für Kaffeeliebhaber sind: Es handelt sich um Beobachtungsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge, beweisen aber nicht eindeutig, dass Kaffee die Ursache für die besseren Werte ist. Für eine gesunde Leber zählen vor allem ein normales Körpergewicht, regelmäßige Bewegung, wenig Alkohol und eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Vollkorn und hochwertigen Fetten, wie sie auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt. Welche Lebensmittel dabei immer wieder ganz oben stehen, lesen Sie im Rundgesund.com-Artikel „10 Lebensmittel, auf die Ernährungsexperten schwören“.
Die Forscher selbst betonen, dass noch weitere Studien nötig sind, um herauszufinden, welche Kaffeebestandteile tatsächlich die Leber unterstützen. Bis dahin gilt: Wer Kaffee gerne trinkt und gut verträgt, darf seine drei Tassen am Tag mit gutem Gewissen genießen – mit oder ohne Koffein.

























