Verlässliche, groß angelegte Studien am Menschen stehen jedoch noch aus – und Milchschokolade zählt aufgrund ihres Zuckergehalts weiterhin eher zu den Risikofaktoren für Karies als zu den Schutzfaktoren.
Was wäre, wenn ausgerechnet jene Zutat, die viele mit Naschkatzen und Zahnarztbesuchen verbinden, in Wahrheit beim Kariesschutz mitwirken könnte? Genau diese überraschende Frage beschäftigt seit einiger Zeit japanische Forscherteams – und hat mittlerweile sogar die Zahnpasta-Industrie erreicht.
„Als bei uns zu Hause der Kakao plötzlich den morgendlichen Kaffee ablöste, dachte ich, es sei nur eine Geschmackssache", erzählt eine Leserin aus Ljubljana. „Erst später las ich, dass Kakao offenbar auch für die Zähne interessant sein soll – das hat mich neugierig gemacht."
Kakao statt Kaffee: ein Trend mit Nebenwirkung für die Zahnpasta-Industrie
Japanische Forscher können die gesundheitlichen Eigenschaften von Kakao derzeit kaum genug loben. Kakao entwickelt sich in Japan zum beliebtesten morgendlichen Getränk bei Jugendlichen, und auch Erwachsene greifen zunehmend statt zur Kaffeetasse zur Kakaotasse. Berichten japanischer Medien zufolge soll der Kaffeeverkauf im vergangenen Sommer, nachdem über die gesundheitlichen Vorzüge von Kakao berichtet wurde, um fast 10 % zurückgegangen sein – eine Zahl, die sich aus den zugänglichen Quellen nicht unabhängig nachprüfen lässt, aber den Umfang des Trends anschaulich beschreibt.
Da japanische Unternehmen sehr unternehmerisch denken, ließ die Reaktion der Industrie nicht lange auf sich warten: Vor einiger Zeit kam eine Zahnpasta mit Kakao-Zusatz auf den Markt. Neben dem Kakao enthält sie – wenig überraschend – weiterhin Fluoride sowie weitere Zusatzstoffe, die den Geschmack ausgleichen sollen. Über die Vor- und Nachteile von Fluorid in Zahnpflegeprodukten diskutieren Fachleute im Übrigen bis heute; mehr dazu weiter unten im Abschnitt zu Fluorid. Laut Herstellerangaben soll diese Kakao-Zahnpasta rund 40 % wirksamer sein als bislang marktübliche Produkte. Solche Herstellerangaben sind naturgemäß mit Vorsicht zu genießen: Erst unabhängige Studien und die Erfahrung vieler Anwenderinnen und Anwender werden zeigen, ob sich dieses Versprechen in der Praxis bestätigt.
Interessant ist, dass auch in den USA eine ganz ähnliche Idee bereits wissenschaftlich verfolgt wurde: Der Doktorand Arman Sadeghpour entwickelte an der Tulane University einen Zahnpasta-Prototyp mit Kakaoextrakt und Minzgeschmack, dessen Wirkstoff in Laborversuchen die Zahnschmelzoberfläche sogar wirksamer gehärtet haben soll als Fluorid. Bis ein solches Produkt tatsächlich im Handel erhältlich wäre, sind laut den Forschenden aber noch mehrere Jahre weiterer Untersuchungen nötig.
Was steckt wissenschaftlich hinter dem "Kakao-gegen-Karies"-Effekt?
Der Ursprung dieser Diskussion liegt in Untersuchungen japanischer Forschungsteams, unter anderem an der Universität Osaka, zur sogenannten Kakaobohnenschale (Cacao Bean Husk). Dieser Bestandteil, der bei der Schokoladenherstellung normalerweise als Abfallprodukt anfällt, enthält Verbindungen, die im Labor die Bildung von Glukan hemmen konnten – jener klebrigen Substanz, die Bakterien wie Streptococcus mutans zur Plaquebildung nutzen. Ein entsprechendes Verfahren wurde bereits in den 1990er-Jahren zum Patent angemeldet (US-Patent 4.908.212, Kaugummi mit Kakaobohnenschalen-Extrakt).
Wichtig für die Einordnung: Ein Großteil dieser Forschung wurde bislang im Labor beziehungsweise an Tiermodellen durchgeführt. Ob und in welchem Ausmaß sich diese Effekte beim täglichen Zähneputzen zu Hause tatsächlich bemerkbar machen, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Wer seine Zahngesundheit verbessern möchte, sollte sich daher weiterhin in erster Linie auf bewährte Maßnahmen wie regelmäßiges Zähneputzen, Zahnseide und zahnärztliche Kontrolluntersuchungen verlassen.
Fluorid: nach wie vor ein Streitthema
Der ursprüngliche Auslöser für viele kritische Stimmen war die Sorge, dass Zahnpasten – auch neue Kakao-Varianten – tendenziell eher mehr als weniger Fluorid enthalten. Wir sind dieser Frage bereits in einem früheren Beitrag nachgegangen: Warum wissen wir so wenig über die Gefahren der Fluoride? Dort wird beschrieben, dass insbesondere bei Kleinkindern, die Zahnpasta verschlucken können, Fachleute zur Vorsicht bei der Dosierung raten.
Gleichzeitig ist es für ein ausgewogenes Bild wichtig zu erwähnen, dass große Gesundheitsorganisationen zu einer anderen Einschätzung kommen: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat fluoridhaltige Zahnpasta in ihre Liste unentbehrlicher Arzneimittel aufgenommen, und auch die American Dental Association bestätigt gemeinsam mit der WHO, dass Fluorid in den empfohlenen Konzentrationen als sicher und wirksam gilt. Die Diskussion um die richtige Dosierung – insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern – ist also weniger eine Frage von „gefährlich oder harmlos", sondern eher eine Frage der individuell passenden Menge. Im Zweifel lohnt sich hierzu immer das Gespräch mit der Kinderärztin, dem Kinderarzt oder der Zahnarztpraxis.
Die amerikanische Antwort: fluoridfrei und mit Minzgeschmack
Während man in Japan also eher auf "mehr statt weniger" setzt, ist man in den USA einen anderen Weg gegangen: Dort haben sich einige Hersteller auf fluoridfreie Zahnpasten mit Kakao- beziehungsweise Schokoladengeschmack spezialisiert, häufig kombiniert mit Minzaromen, die geschmacklich überraschend gut harmonieren. Wer neugierig ist, kann sich vorab über die Inhaltsstoffe und Kundenerfahrungen solcher Produkte informieren, um eine für die eigenen Bedürfnisse passende Wahl zu treffen.
Was Sie beim Zähneputzen sonst noch beachten sollten
Kakao und Karies sind nur ein Puzzleteil der Zahngesundheit. Auch alltägliche Lebensmittel können den Zähnen mehr zusetzen, als man denkt – dazu gehören etwa Zitrusfrüchte, Trockenfrüchte oder kohlensäurehaltige Getränke. Einen Überblick dazu bietet unser Beitrag 7 Lebensmittel, die unsere Zähne zerstören, Süßigkeiten ausgeschlossen.
Fazit
Die Idee, dass ausgerechnet Kakao einen Beitrag zur Zahngesundheit leisten könnte, ist wissenschaftlich nicht aus der Luft gegriffen – belastbare, groß angelegte Studien am Menschen fehlen aber noch, und die neuen Kakao-Zahnpasten sind kein Ersatz für die gewohnte Mundhygiene. Bis weitere Forschung vorliegt, gilt: Kakao in Maßen genießen, mit Milchschokolade eher zurückhaltend sein, zweimal täglich gründlich putzen und regelmäßig zur zahnärztlichen Kontrolle gehen.

























