Ein Keks. Dann noch einer. Und plötzlich ist die ganze Schachtel leer. Kommt Ihnen das bekannt vor? Werfen Sie beim nächsten Mal einen Blick auf die Zutatenliste. Nicht selten finden Sie dort einen Stoff, über den Wissenschaftler seit Jahren streiten: fruktosereichen Maissirup.
Im Jahr 2019 sorgte eine Studie im Fachmagazin Science für Aufsehen. Forscher der Weill Cornell Medicine in New York gaben Mäusen, die genetisch zu Darmtumoren neigen, täglich eine moderate Menge Maissirup. Das entsprach umgerechnet etwa einer Dose eines gesüßten Erfrischungsgetränks. Die Tumoren dieser Tiere wurden deutlich größer und aggressiver, und zwar auch ohne dass die Mäuse zunahmen (Goncalves et al., Science 2019). Wichtig ist jedoch: Es handelt sich um einen Tierversuch. Ob sich diese Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Ein ursächlicher Zusammenhang beim Menschen ist bislang nicht bewiesen.
Ein Starkoch gegen die süßen Getränke
Kaum jemand hat das Thema Zucker in Getränken so bekannt gemacht wie der britische Starkoch Jamie Oliver. Jahrelang setzte er sich für eine gesündere Ernährung von Kindern ein, drehte einen Dokumentarfilm über die Folgen von zu viel Zucker und warb sogar im Londoner Parlament für eine Abgabe auf gezuckerte Erfrischungsgetränke. Als die britische Regierung diese Abgabe ankündigte, sprach Oliver von einem bedeutenden Schritt, der um die ganze Welt gehen werde. Seit 2018 ist die Abgabe in Kraft, und nach Angaben des britischen Finanzministeriums haben die Hersteller den Zuckergehalt ihrer Getränke seither um fast die Hälfte gesenkt. Olivers Botschaft ist einfach: Viel Zucker nehmen wir auf, ohne es überhaupt zu merken, vor allem über Getränke und Fertigprodukte.
Was ist fruktosereicher Maissirup eigentlich?
Wenn Sie sich fragen, um welchen Stoff es hier geht: Achten Sie auf fruktosereichen Maissirup, der von der Lebensmittelindustrie häufig als Ersatz für Zucker verwendet wird. Er besteht aus Glukose (Traubenzucker), Fruktose (Fruchtzucker) und etwa 20 bis 25 Prozent Wasser. Hergestellt wird er aus Mais- oder Weizenstärke: Die Stärke wird zunächst in Glukose gespalten, anschließend wird ein Teil davon mithilfe von Enzymen in Fruktose umgewandelt (Max Rubner-Institut).
Im Gegensatz zu Haushaltszucker ist fruktosereicher Maissirup deutlich billiger. Er lässt sich zudem flüssig verarbeiten, mischt sich leicht mit anderen Zutaten und hält Backwaren länger feucht. Kein Wunder also, dass Hersteller ihn gerne einsetzen, besonders in den Vereinigten Staaten, wo er seit den 1970er-Jahren vor allem in Erfrischungsgetränken weit verbreitet ist.
So erkennen Sie Maissirup auf dem Etikett
Lesen Sie die Zutatenliste, und Sie werden überrascht sein, wo er überall auftauchen kann. Achten Sie dabei auf die verschiedenen Bezeichnungen, denn der Sirup heißt selten einfach „Maissirup“:
- Glukose-Fruktose-Sirup: Hier überwiegt die Glukose. Die in den USA verbreitete Variante mit 42 Prozent Fruktose wird als HFCS 42 bezeichnet.
- Fruktose-Glukose-Sirup: Hier liegt der Fruktoseanteil bei mindestens 50 Prozent. Dazu gehört die Variante HFCS 55 mit rund 55 Prozent Fruktose.
- Isoglukose: der Sammelbegriff für beide Sirupe.
Die Bezeichnungen sind in der EU-Richtlinie 2001/111/EG geregelt. Das genaue Mischungsverhältnis müssen Hersteller jedoch nicht angeben, worauf etwa Öko-Test hinweist.
Eine gute Nachricht für Verbraucher in Deutschland: Laut einer gemeinsamen Auswertung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) und des Max Rubner-Instituts findet sich fruktosereicher Sirup hierzulande in weniger als einem Prozent der neu eingeführten Lebensmittel. Wenn, dann vor allem in Backwaren, Süßwaren und Fertiggerichten. Wer jedoch gerne eingeführte Süßigkeiten, Frühstücksflocken oder Getränke aus Übersee kauft, sollte besonders genau hinsehen.
Was sagt die Forschung über die Wirkung auf den Körper?
Dass Zucker in großen Mengen zu Übergewicht beitragen kann, ist gut belegt. Beim Maissirup richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem auf die Fruktose, denn sie wird fast ausschließlich in der Leber verarbeitet. Eine Studie des Universitätsspitals Zürich zeigte, dass bereits 80 Gramm zugesetzter Zucker pro Tag, etwa so viel wie in 0,8 Litern eines üblichen Erfrischungsgetränks, die Fettproduktion in der Leber ankurbeln können. In der Fruktose-Gruppe war die Fettneubildung doppelt so hoch wie in der Glukose-Gruppe. Interessant ist allerdings: Gewöhnlicher Haushaltszucker, der zur Hälfte aus Fruktose besteht, erhöhte sie sogar noch etwas stärker.
Genau hier liegt ein wichtiger Punkt, den viele Artikel verschweigen: Das Bundesinstitut für Risikobewertung schätzt Isoglukose und Haushaltszucker hinsichtlich möglicher Gesundheitsrisiken als gleichartig ein. Entscheidend ist also weniger, welcher Zucker im Produkt steckt, sondern wie viel Zucker wir insgesamt zu uns nehmen. Maissirup ist dabei vor allem deshalb tückisch, weil er billig ist und sich in Produkten versteckt, in denen man ihn nicht vermutet.
Auch die Verbraucherzentrale betont, dass Fruktose nicht gesünder ist als herkömmlicher Zucker, auch wenn der Name „Fruchtzucker“ genau das nahelegt. Bei Obst ist die Fruktose dagegen an Ballaststoffe gebunden und wird nur langsam aufgenommen. Ein Apfel ist also etwas ganz anderes als ein gesüßtes Getränk.
Macht Maissirup süchtig?
Und noch etwas wird dem Maissirup nachgesagt: Er soll ein besonders starkes Verlangen nach mehr auslösen. Tatsächlich aktiviert Süßes das Belohnungszentrum im Gehirn und setzt den Botenstoff Dopamin frei. In einem vielzitierten Versuch französischer Forscher bevorzugten Ratten sogar gesüßtes Wasser gegenüber Kokain (Lenoir et al., PLoS ONE 2007). Daraus entstand die oft wiederholte Behauptung, Zucker mache ähnlich abhängig wie harte Drogen.
Als Ernährungsberaterin möchte ich hier jedoch zur Vorsicht mahnen: Ob es beim Menschen eine echte „Zuckersucht“ im medizinischen Sinn gibt, ist unter Fachleuten weiterhin umstritten. Die meisten Ergebnisse stammen aus Tierversuchen. Dass Maissirup stärker abhängig macht als gewöhnlicher Zucker, ist wissenschaftlich nicht belegt. Unbestritten ist aber: Die Kombination aus viel Zucker, Fett und wenig Ballaststoffen, wie sie in Keksen, Knabbereien und Fertiggebäck üblich ist, macht es uns leicht, mehr zu essen, als wir eigentlich wollten.
Wer kennt das nicht? Man nimmt sich vor, nur eine Kleinigkeit zu naschen, und am Ende ist die Packung leer. Viele Menschen berichten, dass ihr Heißhunger auf Süßes nach einigen Wochen mit weniger Zucker deutlich nachlässt und dass ihnen manche Produkte danach sogar unangenehm süß vorkommen.
Praktische Tipps: So umgehen Sie die süße Falle
- Zutatenliste lesen: Die Zutaten sind nach Menge geordnet. Steht Zucker oder ein Sirup an erster oder zweiter Stelle, handelt es sich um ein sehr zuckerreiches Produkt.
- Auf versteckte Namen achten: Glukose-Fruktose-Sirup, Fruktose-Glukose-Sirup, Isoglukose, Glukosesirup, Invertzuckersirup und Maltodextrin sind alles Formen von Zucker.
- Getränke zuerst: Laut Stiftung Warentest stecken in einem halben Liter mancher Limonaden rund 15 Stück Würfelzucker. Wasser, ungesüßter Tee oder eine selbst gemischte Saftschorle sind die bessere Wahl.
- Tagesmenge im Blick behalten: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, höchstens zehn Prozent der täglichen Energie über freie Zucker aufzunehmen. Das sind für Erwachsene etwa 50 Gramm, idealerweise sogar nur 25 Gramm.
- Selbst backen und kochen: So bestimmen Sie selbst, wie viel und welche Süße in Ihr Essen kommt.
- Schritt für Schritt reduzieren: Statt eines radikalen Verzichts hilft es vielen, zuerst gesüßte Getränke wegzulassen und danach nach und nach die versteckten Zuckerquellen.
Fazit
Fruktosereicher Maissirup ist kein Gift, aber ein Paradebeispiel dafür, wie viel Zucker unbemerkt auf unseren Tellern und in unseren Gläsern landet. Die Hinweise aus Tierversuchen sind ernst zu nehmen, reichen aber nicht aus, um beim Menschen von einem nachgewiesenen Krebsrisiko zu sprechen. Die wichtigste Botschaft lautet daher: Lesen Sie Etiketten, trinken Sie Ihren Zucker nicht, und behalten Sie Ihre gesamte Zuckermenge im Blick. Ihr Körper wird es Ihnen danken.
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