Stellen Sie sich vor, Sie liegen nachts im Bett, im Haus ist es vollkommen still – und trotzdem hören Sie ein leises, hartnäckiges Pfeifen. Kein Fernseher läuft, kein Nachbar, keine Straße. Nur dieses eine Geräusch, das niemand außer Ihnen wahrnimmt. Für Millionen Menschen ist genau das Alltag: Tinnitus, das Hören von Tönen ohne äußere Schallquelle.
Auch Weltstars kennen dieses Geräusch. Pete Townshend, Gitarrist der britischen Band The Who, spricht seit Jahrzehnten offen darüber, dass ihn ein Tinnitus begleitet, den er auf jahrelange extrem laute Bühnenauftritte zurückführt. Er hat öffentlich beschrieben, wie unangenehm und frustrierend die ständigen Ohrgeräusche für ihn sind, und setzt sich seither aktiv für besseren Gehörschutz bei Musikern ein (Rolling Stone: Musiker mit Hörsturz, Tinnitus oder Hörverlust). Sein Beispiel zeigt: Tinnitus trifft nicht nur "normale" Menschen im Alltag, sondern auch Menschen, die beruflich auf ihr Gehör angewiesen sind – und die trotzdem lernen, damit zu leben.
Tinnitus selbst ist übrigens keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom – ein Hinweis darauf, dass im Hör- oder Nervensystem etwas die Aufmerksamkeit des Körpers auf sich zieht. Nach Angaben des US-amerikanischen National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD) berichten je nach Studie zwischen 10 und 25 % der Erwachsenen von irgendeiner Form von Tinnitus, wobei die Beschwerden bei den meisten Betroffenen mild bleiben oder von selbst wieder abklingen (NIDCD – Tinnitus). Für Europa liegt die geschätzte Häufigkeit laut der großangelegten Gutenberg-Gesundheitsstudie in Mainz bei rund 26 %, wobei nur etwa jeder Zehnte die Ohrgeräusche tatsächlich als belastend empfindet (Gutenberg Health Study – Tinnitus Prevalence).
Warum klingelt es überhaupt in unseren Ohren?
Ein häufiger Auslöser ist zu viel Lärm. Wer regelmäßig lauter Musik oder Maschinenlärm ausgesetzt ist – etwa bei Konzerten oder in der Fabrik – riskiert Schäden am Innenohr, die einen Tinnitus begünstigen können. In Untersuchungen brachte ein erheblicher Teil der Betroffenen ihre Ohrgeräusche direkt mit solcher Lärmbelastung in Verbindung.
Ein weiterer, ganz natürlicher Faktor ist das Alter: Mit den Jahren lässt das Gehör bei vielen Menschen nach, ein Vorgang, den Fachleute als Presbyakusis (altersbedingter Hörverlust) bezeichnen. Tinnitus tritt in diesem Zusammenhang bei älteren Menschen deutlich häufiger auf als bei jüngeren.
Wenn kein offensichtlicher Auslöser erkennbar ist, kommen unter anderem folgende Ursachen infrage:
- Verstopfte Gehörgänge durch übermäßiges Ohrenschmalz (Cerumen) – das natürliche Schutzfett des Ohrs,
- ein Schlag auf den Kopf oder eine Gehirnerschütterung,
- Beschwerden im Kiefergelenk (das sogenannte Kiefergelenk-Syndrom, kurz CMD bzw. im Englischen TMJ),
- bestimmte Medikamente (etwa manche Antibiotika, Antidepressiva oder höher dosiertes Aspirin) sowie
- weitere gesundheitliche Faktoren wie erhöhter Blutdruck, Flüssigkeitsansammlungen im Mittelohr, Diabetes, Allergien oder – sehr selten – gutartige Tumoren.
Was tun, wenn es im Ohr klingelt?
Der erste sinnvolle Schritt ist eine ärztliche Abklärung. Steckt ein Ohrenschmalzpfropf dahinter, lässt sich dieser meist unkompliziert entfernen, und die Ohrgeräusche verschwinden häufig von selbst wieder. Ist das Klingeln einseitig, plötzlich aufgetreten und stand kurz zuvor ein Schlag auf den Kopf, kann das ein Hinweis sein, der eine neurologische Abklärung sinnvoll macht. Auch Beschwerden im Kiefer können sich wie ein Ohrgeräusch anfühlen – wer kürzlich seinen Biss verändert hat oder sich einen Zahn verletzt hat, ist beim Zahnarzt gut aufgehoben. Wer vermutet, dass ein Medikament die Ursache sein könnte, sollte dies – ausschließlich in Absprache mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin – ansprechen, statt eigenständig die Dosis zu verändern.
Was Studien und Statistiken zeigen
Weltweiten Schätzungen zufolge tritt bei etwa 1 % der Erwachsenen jährlich neu ein Tinnitus auf. In den USA sollen rund 50 Millionen Menschen zeitweise betroffen sein, bei etwa 20 Millionen davon sind die Geräusche dauerhaft vorhanden.
Besonders aufschlussreich sind die Daten der großangelegten Apple Hearing Study, die gemeinsam mit der University of Michigan an über 160.000 Teilnehmenden durchgeführt wurde: 77,6 % gaben an, in ihrem Leben bereits irgendeine Form von Tinnitus erlebt zu haben, bei Menschen ab 55 Jahren trat ein täglicher Tinnitus rund dreimal häufiger auf als bei 18- bis 34-Jährigen (Apple Newsroom: Apple Hearing Study – Tinnitus, University of Michigan School of Public Health).
Auch die Forschung selbst entwickelt sich weiter: Eine aktuelle Übersichtsarbeit auf Basis von über tausend PubMed-Studien zeigt, dass chronischer Tinnitus meist durch Schäden in der Hörschnecke entsteht, die wiederum Veränderungen im zentralen Nervensystem nach sich ziehen – und dass Fortschritte in Bildgebung und Diagnostik künftig eine gezieltere, individuellere Behandlung ermöglichen dürften (PMC – Aktuelle Übersichtsarbeit zu Tinnitus). Erste, noch experimentelle Ansätze untersuchen sogar, ob künstliche Intelligenz anhand feiner Mimik- oder Pupillenveränderungen Rückschlüsse auf die Belastung durch Tinnitus ziehen kann – ein Forschungsfeld, das noch ganz am Anfang steht.
Was Sie selbst tun können – einfache Ansätze für zu Hause
Der wichtigste Grundsatz bleibt der Schutz des Gehörs vor Lärm. Wer Musik über Kopfhörer hört, sollte die Lautstärke bewusst niedrig halten – als Faustregel gilt, die Lautstärke von normaler Sprache nicht mehr als zu verdoppeln.
Ausreichend und guter Schlaf spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Schlafmangel kann Tinnitus-Beschwerden bei manchen Menschen verstärken, da das Gehirn dann empfindlicher auf innere Geräusche reagieren kann. Beim Einschlafen können weißes Rauschen (etwa ein sanft laufender Ventilator), Entspannungstechniken oder ein Kräutertee mit Kamille oder Melisse unterstützend wirken. Wie genau weißes Rauschen beim Entspannen und Einschlafen helfen kann, hat Rundgesund.com bereits ausführlich beschrieben: Weißes Rauschen zur Beruhigung, gegen Stress und für besseren Schlaf. Auch ein kleiner abendlicher Snack kann helfen, zur Ruhe zu kommen – mehr dazu in Was passiert, wenn man vor dem Schlafengehen eine Banane mit Zimt isst?
Bewegung kann ebenfalls guttun: Schon leichte Übungen wie sanftes Kreisen des Nackens, bewusstes Lockern des Kiefers oder ruhige Atemübungen können die Durchblutung fördern und Stress abbauen, was manchen Betroffenen spürbar Erleichterung verschafft. Auch einfache Gleichgewichtsübungen werden in diesem Zusammenhang diskutiert – Rundgesund.com stellt eine davon hier vor: Mit nur einer Turnübung den Blutdruck und Blutzucker senken.
Auch die Ernährung kann eine Rolle spielen: Ein hoher Konsum von Salz, Alkohol, Koffein oder Zucker steht im Verdacht, den Flüssigkeitshaushalt im Innenohr und den Blutdruck zu beeinflussen, was Beschwerden bei manchen Menschen verstärken kann. Wer ohnehin auf seinen Blutdruck achten möchte, findet hier einen interessanten Ansatz: Was passiert, wenn Sie jeden Tag einen halben Liter Orangensaft trinken?
Zu pflanzlichen Mitteln wie Ginkgo biloba, die traditionell häufig bei Tinnitus empfohlen werden, kommen wissenschaftliche Übersichtsarbeiten bislang zu keinem eindeutigen Nachweis einer Wirksamkeit. Das schließt jedoch nicht aus, dass einzelne Menschen individuell davon profitieren – hier lohnt sich im Zweifel ein Gespräch mit einer Ärztin oder einem Apotheker. Ähnliches gilt für Zink, Melatonin und andere Vitamine oder Kräuter, deren Wirkung wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt ist.
Wann sollte man das Geräusch ernst nehmen?
Auch wenn Tinnitus in den allermeisten Fällen harmlos ist, kann er sich auf Konzentration, Schlaf und Stimmung auswirken und bei manchen Menschen zu innerer Anspannung führen. Wer über längere Zeit belastet ist, sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen und ärztlichen Rat einholen. Als grobe Faustregel gilt: Wenn Sie Geräusche wahrnehmen, die andere nicht hören, lohnt es sich, dem eigenen Körper etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Regelmäßiger Schlaf, Gehörschutz, ein gesunder Lebensstil und – wo nötig – eine fachärztliche Untersuchung können langfristig helfen, die Belastung zu verringern.
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden oder belastenden Ohrgeräuschen wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.

























